Höfn – Eyjólfsstaðir (122 km)

Etappe 31, Übernachtungen 35 – 37

Mittwoch, 4. August 2021

Abschied von Höfn/Tagesimpressionen

Ballo in da diesis minore“, Angelo Branduardi 1976, aus dem 15 Jahrhundert: Ich bin der Tod und trage eine Krone.

Ich radle nun schon etwa 200 Kilometer lang südlich der vielen „Zungen“ des Vatnajökull. Auch die nächsten etwa 100 km, vielleicht auch noch länger, werde ich unter seinem direkten „klimatischen“ Machtpotential stehen… 

Start um 5.00 Uhr. Die Nacht blieb trocken und Windsstill. Zwangsläufig bildete sich Kondensat aus Atemluft auf der Innenseite des Außenzelts. Wie vorgestern - aber erst zum 5. Mal seit Beginn meiner Reise am 15. Juni - knüpfe ich das trockne Innenzelt aus, sichere es getrennt und packe das nasse Außenzeit ein. Es regnet noch nicht. Es waren übrigens doch nur 24 und nicht 30 Zelte auf den Platz.    
Ich breche als Erster auf. 
Jetzt, um 5 Uhr, sind die beiden Gletscherzungen gut zu sehen
Nanu, das Haus der russischen Hexe „Baba Jagá“ auf einem Hühnerbein???
Ich Genieße die Morgenkulisse. Der Abschied von Höfn fällt mir nicht leicht. Freundlicheres Wetter vorausgesetzt, wäre ich gern noch einen Tag länger hier geblieben, hätte mich mit Maciej weiter auf Polnisch ausgetauscht, die gebrauchte Wäsche waschen und trocknen lassen.
Ich habe aber noch genug frische, verpackte Reserven.

Im Foto oben in Bildmitte etwas rechts zu erahnen: Vier Ferienhütten am Hügel (Mit hier nicht sichtbarem Stuhl oben, um die freie Aussicht aufs Meer zu genießen)…
… bei Regenwetterlage früh am Tag ganz sicher besetzt (Hier ist über dem Dach des rechten Hauses auf dem Hügel der genannte „Stuhl mit Aussicht“ zu erkennen)…
Schilder erwecken beim mir immer ein besonderes Interesse: Oben allein schon deshalb, weil erstmalig das nur noch 273 km entfernte Seyðisfjörður auftaucht, wo ich meine zweite, erweiterte Islandumrundung per Tourenrad begann. Akureyri ist laut Schild nur 223 Kilometer von Seyðisfjörður entfernt, wenn man ausschließlich die etwa 1350 km lange Ringstraße 1 rund um Island herum nutzt. Ich benötigte auf für mich interessanteren „Umwegen“ 827 Kilometer, um von meinem Startplatz ganz CO2-frei nach Akureyri zu gelangen.
Auch wenn ich nun seit Reykjavik gezwungen war, die 1 zu nutzen: Bis zum Ziel werde ich weit mehr als zwei Drittel meiner „Island-Expedition“ ohne diese wichtige Verkehrsader ausgekommen sein.
Diese Landzunge, obwohl etwa 20 km vom Höfn entfernt, ist für mich das Wahrzeichen der Ortschaft und auf der Fahrt vom Süden kommend (bei Sicht) schon mindesten 40 km vor Erreichen des „abgelegensten Ortes Islands“ gut auszumachen.
An solchen Ausblicken nach dem gestrigen Regentag ist vielleicht zu verstehen, warum ich hier, angesichts meiner „Reservetage“ noch gerne länger geblieben wäre.
Hier und ENDLICH hatten motorisierte Camper Gelegenheit, echte Isländer zu streicheln und deren ganz junge Fohlen bei lustigen Bocksprüngen zu beobachten: Denn es gab am Ende der Weide eine Möglichkeit das Gefährt abzustellen. 5 Fahrzeuge parkten dort und Menschen aus Europa und Japan (überwiegend Frauen) konnten zu ihren Lieblingen gelangen. Als Radler kann ich das überall und „spreche“ auch gelegentlich mit Pferden im Vorbeiradeln, weil sie mich auf dem Rad schon von Weitem neugierig beobachten und sich auch zutraulich nähern. Wahrscheinlich hat sich im „Herdengedächtnis“ der Pferderasse festgesetzt, dass ich vor 5 Jahren in Island eine Reitstunde auf einem Isländer genommen habe…
Schafe hingegen nehmen in der Regel reiß aus vor mir. Es sei denn, ich selber blöke sie im Ton der Mutter an (ein Lamm verfolgte mich sogar über ein paar hundert Meter weit).
Ganz anders Seevögel am Strand: Schon wenn ich vorbeifahre laufen sie scharenweise ins Meer. Bleibe ich stehen, so fliegen sie sofort weg, wenn flügge. Oder sie ergreifen panikartig die Flucht ins Wasser, wenn sie Küken bei sich haben…

Zehn Kilometer weit blieb es trocken. Ich näherte mich dem 2005 erbauten, 1300 m langen Tunnel (Isländisch göng) durch den Berg.
Letztes Mal empfing mich am Ausgang anstelle des diesseitigen Nebels ein strahlend blauer, wolkenfreier Himmel. Diesmal senkten sich Wolkenausläufer der anderen Seite sogar schon hier herunter und besprühten denTunneleingang mit frischem Nass.
(Bei genauem Hinsehen, erahnt man links den alten Höhenweg, der durch die Tunnelstrecke überflüssig wurde.)

Der Tunnel steigt in nordöstlicher Richtung an. Dadurch bildet sich eine Kaminwirkung, die ihn entlüftet und auch für Radfahrer passierbar macht. Der leichte Gegenwind der mich traf wurde schon 400 m vor dem Tunnelausgang nass. Nieselregen im Tunnel sozusagen.
Der Rest ist schnell umschrieben: 70 Kilometer „Regennebelsuppe“, zwischendurch nasses Frühstück. Nach 80 Kilometern stoppte der Regen, ein leichter Seitenwind kam auf: Zweites Frühstück. Zelt tatsächlich trocken bekommen!

“Küstennebel“ aus 50 m Höhe.
Oliver aus Deutschland kommt mir entgegen.
Klimawandel?, fragte ich vor 5 Jahren an dieser Wegstelle. Island war ja vor der Besiedlung bewaldet. Unten dieselbe Baumgruppe.
Jetzt, nach 5 Jahren scheint sie mir deutlich gewachsen zu sein…

Nach Erreichen von Djúpivogur (108 km) beschließe ich, weiter in den Berufjörður hineinzufahren. Nach einer 3. Pause mit frischgekochtem Tee.
Gut, dass ich mich gestärkt habe. Letztes Mal wehte mir auf dem welligen Kurs 23 km lang, bis zum Fjordende ein strammer Gegenwind, der sich dann um 180 ° drehte und die Weiterfahrt stark erschwerte.

Heute hatte ich Rückenwind. Nach 120 km der Hinweis auf einen Campingplatz in Eyjólsstaðir, einem Bauernhof 2 km jenseits der Straße. Der Anstieg von fast 100 Höhenmetern mit teilweise über 13% Steigung auf löchrigem, waschbrettartigem Schuttweg verlangte mir höchsten Respekt und alle Kräfte ab, kamen mir doch auch immer wieder vierradgetriebene PS-Monster mit Campingwagen entgegen.

Diese 2 km-Strecke werde ich als eine der schwersten Herausforderungen meiner Tour in Erinnerung behalten.
Angekommenl!

Gunhild Norwegerin, Aquarellmalerin aus Trondheim, verbringt seit 4 Jahren die Sommer hier in Eyjólfsstaðir und betreut den Platz.
oben und unten: zwei von Gunhilds Aquarellen.


Gegen Abend füllte sich die Wiese und Standplätze auf dem Gelände rund um die Gebäude samt der Parkplätze. Fürs Fußballspielen blieb kaum noch Platz über. Ich wurde verschiedenerseits auf meine Toureinzelheiten hin angesprochen. Als ich dann die Gitarre auspackte und zu spielen begann, waren die Überraschung über, aber auch Anerkennung für den „musizierenden Paradiesvogel“ gleichermaßen groß. Viele gehobene Daumen zeigten mir beim Spielen, dass ich zumindest geduldet werde. Isländische Kinder, vorher mit Fußball beschäftigt, näherten sich und verfolgten interessiert mein Tun. Einzelne Erwachsene kamen näher, hörten eine Weile zu, setzten sich auf die nahe Bank, an der nachmittags mein bepacktes Rad angelehnt stand. Applaus aus ferner stehenden Campingwagen klang durch.

Ina, Kindergärtnerin in Frankfurt, aus Hannover stammend und Laurent, ihr Mann, Franzose (habe ich gar nicht bemerkt), selbständig, sind mit einem ausgebauten, hochgestellten, geländetauglichen Wohnmobil unterwegs. Er fuhr fünf Tage früher los, um das Fahrzeug per Fähre herzubringen, sie flog nach Island. Ina erfüllte sich auch schon einen Lebenstraum und durchwanderte mit Freundin(?) und mit rotem Hillebergzelt im Gepäck Patagonien. Respekt!

Ein junges holländisches Paar bedankte sich für die Musik und brachte dem „Extremradler“ eine Auswahl von Adventure-Food-Produkten in „EXPEDITION QUALITY“ mit HIGH ENERGY GEHALT IN PERFECT BALANCE mit, von der ich dankbar vier Tüten – nur mit heißem oder kaltem Wasser aufzufüllen – annahm. Durch mein fast zu 100% in den Niederlanden stattfindendes Eisschnelllauftraining fällt es mir inzwischen leicht, mich auf Niederländisch mitzuteilen.

Nach einer Stunde Gitarrenspiel packte ich alles ein und fuhr zu den zugezogenen „Frankfurtern“, um etwas mehr über ihre Reisepläne zu erfahren. Wir tauschten Tipps aus. Schließlich holte ich doch noch den Rucksack mit Reisegitarre aus dem Zelt und spielte für sie. Da Beide Angelo Branduardis Musik zu schätzen wussten, freuten sie sich auch sehr, als ich ihnen BALLO IN FA DIESIS MINORE in meiner Interpretation vorstellte, die inzwischen immer weniger Stolperer aufweist.
Unglaublich, wie aktuell das Lied ist und unglaublich, wie schon die Menschen im 15. Jahrhundert mit Pandemien umgehen mussten (hier ist die Pest das Thema) und nach Erklärungen des unfassbaren Leids suchten.

Ich stellte Ina und Laurent zur Freude auch noch „Die Regenballade“ vor, einen lyrischen Text von Ina Seidel aus den 1950er Jahren, von Achim Reichel vor knapp 50 Jahren vertont. Den Text hatte ich nur „im Kopf“ dabei (14 Strophen á 8 Zeilen).

Liebe Ina, lieber Laurent, falls Ihr dieses liest: Ich vergaß Euch gestern zu sagen, dass auf der Halbinsel Langanes, 35 km von Þórshöfn(Þóurshöpn) entfernt, etwa 2 km nach der Basstölpel-Kolonie auch eine größere Papageitaucherpopulation brütet. Mit Eurem Fahrzeug gelangt Ihr da auf jeden Fall hin: Seht Euch die bestimmt gut 1000-2000 gänsegroßen Tölpel aus 50 m Entfernung an, lasst das Fahrzeug direkt auf dem „Parkplatz“ stehen und wandert die Küste mit traumhaftesten Basaltformationen entlang, bis Ihr die Lundis seht.

Herzliche Grüße vom Platz, auf dem ich noch bis Samstag bleibe. Morgen kann ich auch hier tatsächlich meine gesamte Reisewäsche waschen und trocknen…

Ballo in fa diesis minore