Sandgerði – Selfoss (113 km)

Etappe 24, Übernachtung 28

Schön, wenn man von Ortskundigen ihren Wohnort gezeigt bekommt! Zwar bin ich auch vor 5 Jahren Sandgerði zum Teil abgefahren und habe vieles diesmal wiedererkannt. Diesmal verbrachte ich zweieinhalb wunderbare Tage bei vor 5 Jahren kennengelernten polnischstämmigen Freunden. Diese füllten das beim ersten Mal Gesehene nun mit Leben.
Ich bekam einiges mit vom isländischen Schulsystem, insbesondere aber lernte ich besondere Eigenheiten der zur gemeinsamen Kommune zusammengelegten Orte Sandgerði und Garður kennen, die viele Jugendprojekte fördern (u.a. kostenlose Schwimbadbesuche, kostenlose Mitgliedschaft in Sportvereinen u.v.m.) und auch ihren erwachsenen Bürgern von Hauskauf bis Platzgarantie im Pflegeheim im Alter besondere, lukrative Angebote machen, um sie an Ort und Stelle richtig zu verwurzeln.
Ich weiß jetzt, dass Isländer Neubauten nicht aus Ziegeln fertigen, sondern, wegen der ständig möglichen (und vorkommenden) Erdbeben, mit Stahlmatten und Eisenbewehrungen vorgefertigte Wandelemente verbauen, die dann am Einsatzort mit Beton ausgegossen werden und als Stahlbeton erdbebensicher sind. Bei vielen älteren Häusern sah ich hingegen beständig sich erweiternde Risse.

Soviel, hierzu nur angedeutet…

Die Südküste Islands hat in den letzten Wochen viel Regen abbekommen. Ich hingegen, dauerhaft nur die letzten Reisetage. Freundlicheres Wetter schien sich zu nähern. Verwöhnt und ausgeruht darf und will ich jetzt weiter:

Alles gepackt, knapp 4 Stunden Schlaf und ab: Start um 3.45 Uhr. Beim kurzen Beladen des Fahrrads regnete es noch, beim Start hörte der Regen auf. Beinahe Windstille. Erste, fast dunkle Nacht für mich in Island. Lediglich im Norden blieb der Himmel hell. Die Wolkendecke schien aufreißen zu wollen. Stiller Abschied vom Haus der Freunde mit der neuen, es fast umspannenden Großterrasse. Die Hauptstrecke Richtung Flughafen ist schnell gefunden. Plötzlich, und es haut mich fast um, entdecke ich am dunklen Horizont, direkt neben der Silhouette des Flughafens doch den beständig feuerspeienden, rauchenden, schwer arbeitenden Vulkan Flagradalsfjall. Der sich zu einem richtigen Schildvulkan zu entwickeln scheint.
Inzwischen weiß ich, dass er aus dem gleichen System gespeist wird, wie der benachbarte, pyramidenartige Keilar. Warum aber gerade er nach einem 600-jährigen Schlaf jetzt erwachte? Rätselhaft…
Ich nähere mich ihm auf dem weg Richtung Reykjavik von 20 auf etwa 10 km und bin gleichzeitig fasziniert wie gruselig besetzt: Harry Potter? Mordor? Nein, Realität: Der Vulkan flackert, glüht und produziert beständig eine auf den Flughafen zuwehende Giftwolke. Sie war es auch, die mich auf der Hinfahrt, weil auf mich zukommend, beständig mit Schwefelgeruch „fütterte“. Ich mache einige Fotos und Videos.
Im wesentlichen beobachte ich aber im Fahren das Naturschauspiel, das mit zunehmendem Tageslicht zwar blasser wird, bald sieht man den Widerschein der Glut nicht mehr, aber nichts von seiner fotografisch nicht zu erfassenden Faszination verliert.

Die Sonne geht hier jetzt etwa kurz vor Mitternacht unter und gegen 4 Uhr früh wieder auf.

Die frühe Startzeit wählte ich aus zweierlei Gründen. Erstens sollte es nach dem Dauerregen auch in Sandgerði etwa gegen drei Uhr am Morgen trockner werden. Zweitens, und viel wichtiger: Ich wollte, bevor der Massenverkehrswahn zum und vom Flughafen zu rollen beginnt, länger die Autobahn benutzen, bis in die Vororte von Reykjavik hinein, um möglichst direkt auf die Ringstraße Süd zu kommen und dann, schon in den Bergen, wieder einen kurzen Abstecher in die Waldorfskólinn, die zweite Waldorfschule von Reykjavik zu machen, welche 18 km außerhalb der Hauptstadt in traumhafter Landschaft platziert ist. Und dort, vielleicht wieder auf A. Jaschke zu treffen, die Mutter meines Ende des letzten Jahrtausends hier zusammen mit seinem Vater und jüngeren Stiefbruder beim Flugzeugunglück tragisch verunglückten Schülers Tobias (s. ausführlicher zur Schule und zum Unglück im Blog von 2016).

Alles gelang: Der Verkehr betrug weniger als 1% dessen, was ich bei meiner Ankunft letzten Samstag erlebte. Nach kaum 3 Stunden war ich schon in Reykjavik und sparte diesmal TATSÄCHLICH!!! 10 km gegenüber der Strecke von 2016 ein (nur 66 km statt 76 zur Waldorfschule), weil hier inzwischen tatsächlich neue Radwege bzw. deren ganzes Netz entstanden ist, das mich über Abkürzungen sicher weiterleitete. Und ich mich gelegentlich nur verfuhr, weil ich nicht glauben konnte, dass mein Navi tatsächlich schon die neuesten Fahrradkarten eingespeichert hat. Sightseeingtour mal anders!

Kurzer Besuch in der Waldorfschule, Angelika verbrachte hier tatsächlich wieder mit Freundin den Sommer (die letzten 3 Wochen nur Regen, heute der erste freundliche Morgen). Alle hatten Verpflichtungen, auch ich wollte noch weiter. Für einen leckeren Tee und ein „Update“ nach 5 Jahren reichte es dennoch. Schön, dass wir uns wiedergesehen haben!!

Nach den Ruhetagen rollte das Rad wie von selber. Wie nix, kletterte ich 400 m auf die Hochebene 13 km vor Selfoss, die größte Stadt im Süden Islands, sauste mit dem Verkehr mit 65 km/h die 4 km Abfahrt herunter und war angekommen. Kurze Verproviantierung, Zeltplatz im Zentrum, erste Regentropfen, alles im Trocknen, Mittagessen aus von Renata mitgegebenen Reserven, kurzer Erholungsschlaf während des kurzen Regens und: natürlich, ein einstündiges Platzkonzert auch hier…

Spätabends noch ein polnisches Paar gesprochen, das hier zum wandern kam und jetzt für eine Woche ein wahnsinnig teures Auto – wie die Polen meinten- anmietete. Ich beruhigte sie insofern, dass ich sagte, dass in Island jetzt zum Ende der Saison -weil der Markt es hergibt- die Vermietungspreise WAHNSINNIG angezogen sind:
Renata arbeitet für eine amerikanische Firma. Und die „Amis“ zahlen.
Ab Mittwoch, 28. Juli, ihren ersten Arbeitstag nach dem Urlaub, kostet ein vierradgetriebener Vier-Personen-Mazda für drei Tage stolze 1200 €!!!.

Ich muss dafür jedenfalls nichts ausgeben…

Wem das Pedalieren nicht reicht, darf sich natürlich gern gratis – und ganz öffentlich – an einer Fitness-Station kräftigen…,

…ich tat es auf dieser Bank eher kulinarisch und vergaß dort meine Thermoskanne.

Blick auf Reykjavik vom Gelände der Waldorfschule aus

Angelikas „Tobiashus“. Hier verbringt sie regelmäßig die Sommer. Und die Schule benutzt das Haus auch in ihrer Abwesenheit als offizielle „Quarantänemöglichkeit“.
Selfoss