Örlygshöfn-Látrabjarg und zurück (50 km)

„Etappe“ 18, Übernachtung 19

Wo sind bloß die Papageitaucher geblieben?

Der westlichste Punkt Islands.

Schon um 5.30 Uhr, ohne Frühstück, aber mit dem Nötigsten im Gepäck gestartet. Sofort Steigung auf über 300 m mit bis zu 16%. Starker Gegenwind. Oben Nebel. Abfahrt auf 80 m, zweite Steigung auf 240m.
Knapp 3 Stunden später angekommen, am westlichsten Punkt Islands, der, bis die Azoren den Zuschlag bekamen, als westlichster Punkt Europas galt.

Parkplatz komplett leer. Allein mit Fahrrad am Ende der Welt.
Das Fahrradschloss(1kg) ließ ich wegen Gewichtsersparnis am Zelt.

Diese, mit 14 km Länge und über 400m Höhe „größten Vogelfelsen Europas“ galten, trotz der auch für motorisierte Fahrzeuge mühsamen Erreichbarkeit weltweit als Sensation, konnte man doch hier gleich am Anfang, also zuunterst, „zahme“ Papageitaucher aus einem Meter Entfernung problemlos vor die Linse bekommen.

So war es vor 5 Jahren, als ich das erste Mal hier per Rad ankam. Heute wollte ich früh da sein, die 14 km Klippen durchwandern und gegen Abend wieder zurückkehren. Und auch deswegen schleppte ich meine richtige Spiegelreflexkamera mit Reiseteleobjektiv seit Vier Wochen mit, auch wenn ich die Bilder erst nach Rückkehr laden kann.

Alles kam mir bekannt vor, die Wege waren noch ausgetretener, an manchen Stellen sogar wegen Absturzgefahr gesperrt.

Die Möven, die Lummen, die Tordalken, die Sturmvögel, die Kolkraben und noch andere: Alle waren auf ihren Plätzen oder segelten durch die Lüfte.

Wo sind aber die Papageitaucher geblieben?

Ich wanderte zwei Kilometer aufwärts entlang der Klippen. Vogellärm wie üblich in Vogelfelsen. Aber die sonst besetzten Nischen schienen mir abgestürzt oder verwaist. Ich ging immer weiter, einige Kilometer und kam bis in die Wolken. Sicht 30 m.

Nach knapp zwei Stunden brach ich ab.
Sinnlos, bei knapper Sicht nach bunten Vögeln zu suchen.
Und auch die vorher interessant aus der Ferne erscheinenden hohen Klippen – alles mit einem Mal „weggenebelt“.

Ich beschloss die unteren auf etwa 4 km Länge nebelfreien Klippenränder genauer, aber vorsichtig zu untersuchen.
Es stürmte ja aus wechselnden Richtungen.
In der Ferne sah ich Menschen auf mich zukommen. In Grüppchen.
Vorher aber entdeckte ich SIE doch: Auf kleinen Felsvorsprüngen, etwa 5 m unter mir saßen sie da und akzeptierten scheinbar gelassen den fotografischen Eindringling.
Ungestört.
Meistens beobachtete ich aber statt zu filmen, oder zu knipsen.

Ein älteres amerikanisches Paar, das den anderen Besuchern schon weit voraus war, sah mich an der Klippe liegend herunterschauen und kam heran.

„Sorry, do you know, where the Puffins are?”
Ich zeigte nur mit dem Finger nach unten. Fassungslos und überglücklich machten sie ihre Fotos, fotografierten einander und baten mich, ihnen mit ihrem IPhone Erinnerungsfotos zu machen. Natürlich ging ich auch um sie herum, dass auch die Vogelklippen im Hintergrund erscheinen konnten.

Sofort boten die Gäste auch mir an, mich zu fotografieren.

Die Schwungfeder eines Kolkraben in der einen Hand, der Daumen der anderen erhoben: Klick!

Jetzt erst bemerkte ich, wie gehschwach der Mann schon war und erahnte, wieviel Kraft es ihn gekostet haben muss, bis an diese Stelle zu gelangen.
Beim Weggehen bedankten sie sich nochmals ganz ausdrücklich, dass ICH(?) ihnen die Puffins geschenkt habe…, berührend!

Ich fand auch noch an anderen Stellen Papageitaucher.
Einen Kilometer weiter unten begegneten mir die nächsten Besucher, meistens Asiaten mit verstört scheinendem Gesichtsausdruck :
Did you have seen any Puffins?, Did you have seen any Puffins?,Did you have seen any Puffins?,… bestimmt zehnmal hintereinander.

“Yes, may be one kilometer away from here”.
Ich deutete die Richtung an, die Gesichter begannen zu strahlen, der Gang wurde doppelt schnell.

Der Parkplatz war inzwischen fast voll besetzt, weitere Fahrzeuge eilten herbei.

Natürlich wurde ich am Fahrrad, als ich mich zwei Eibroten und Tee für die Rückkehr stärkte mehrfach befragt zu meiner Reiseart. Fassungslosigkeit.
Die Gitarre erwähnte ich dabei gar nicht…

Als ich unten angelangt bin, war der Parkplatz nahezu voll besetzt.

Leider drehte der Wind um 90° und kam hart von der Seite. Dennoch brauchte ich für die Rückkehr nur etwas über 2 Stunden.

Im Museum, wo ich noch auf einen Tee und zwei Kuchenstücke „einsprang“ – ich war ja viel früher zurück als gedacht – wurde ich, als ich nach den seit 5 Jahren zu 90% verschwundenen „Lundi“ fragte, von Isländern umringt, die dadurch vielleicht auf Neues aufmerksam wurden. Zwar bekam ich Antworten wie „Ja, die sind jetzt auf dem Meer und kommen abends wieder“, „die kommen wieder, wenn die Touristen weg sind“, „die sind hier nur im Mai wenn sie brüten und danach draußen im Meer“.

Mitnichten! Vor 5 Jahren war ich auch um den 20. Juli hier und die Vogel-„Clowns“ waren überall in den oberen Stockwerken der Felsen leicht zu finden. Unten, wie erwähnt, standen sie in einem Meter Entfernung für die Kameras „in Pose“…

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Im 4500 m langen SYLTEFJORDSTAURAN, dem größten Vogelfelsen Skandinaviens auf der Varanger-Halbinsel, 500 km östlich des Nordkaps, erlebte ich mehrfach bei Wanderungen vor knapp 30 Jahren damals von Ornithologen geschätzte 2.000.000 Seevögel im wilden Getümmel. Angeblich 23 Arten. Dort befindet sich auch die nach wie vor stabile, nördlichste Basstölpelkolonie der Welt.

Zuletzt „durchkraxelte“ ich 2019 die 4,5 km lange Felsenkette meistens an deren oberer Kante und schätzte die Population der Vögel auf nur noch 10 %, im Verhältnis zum Anfang der 90-er Jahre. Das bestätigten mir auch Ortsansässige, die ich seit langem kenne. Die Gründe sind verschieden, je nach verfolgter Meinung.

Ich hoffe, ich täusche mich, in Bezug auf den Látrabjarg. Bin aber nach heutiger Erfahrung eher skeptisch. Dennoch freue ich mich, nachfolgend frische Bilder und Videos der uns lustig erscheinenden Vögel präsentieren zu können, ohne auf „Konserven“ von 2016 zurückgreifen zu müssen…

Nachtrag „frühabends“: Natürlich stecken mir die heutigen Kilometer in den Beinen und ich gehe gleich „zu Bett“(im Zelt).
Morgen will ich gegen 6 Uhr gestartet sein, um mich in Patreksfjörður (45 flache km) mit 7-9 kg Proviant einzudecken und anschließend über den hohen Pass zurückzuklettern und ein warmes Zwischenbad im Hot Spot von vorgestern zu genießen. Und auch wieder mein 2. Frühstück einnehmen.
Weil es dann nur noch etwa 35 flache Kilometer zur Fähre „Baldur“ nach Stykkishólmur sind und die Fähre pandemiebedingt dieses Jahr nur einmal am Tag verkehrt (wochentags 18.00 Uhr), könnte ich sie trotz der etwa 100 Gesamtkilometer erwischen.
Die Insel Flatey (2 kmx500 m) auf der ich unbedingt übernachten wollte, lasse ich aus, auch wegen der ungünstigen Fährenabgangszeit( ich verlöre einen ganzen Tag) und mache mich auf zum sagenumwobenen Gebiet des Snæfellsjökull, den flachen Küstenweg entlang. Anstatt übers Fjell, wie 2016 zweimal, umrunde ich den vergletscherten 1446 hohen Berg und halte dann an einer Tank- und Raststätte, wo ich vor 5 Jahren zweimal innerhalb von 5 Tagen die leckersten vegetarischen, verschieden zubereiteten Hamburger, kreiert von einem spanischen Koch, bekommen habe.

Ich hoffe, das Restaurant ist noch/wieder geöffnet. Habe aber auch genug Proviant mit…;-)…

Statistisches: Nach 2 Wochen und vier Tagen habe ich in Island heute schon 1507 Kilometer bewältigt. Mit Dänemark und den Faröern etwa 2507 km.

2016 schaffte ich in vier Wochen 2506 km.

Ich glaube, ich muss mich (nach morgen) noch stärker zügeln…