BlÖnduós – StaðarskÁli (73km Sturmfahrt)

Etappe 12, Übernachtung 13

Gestern Abend sprachen mich noch meine Zeltnachbarn aus dem schicken Wohnanhänger an. Sie kamen direkt aus Reykjavik angefahren (250 km), mussten dort vorher aber wegen Windwarnung 4 Stunden warten bis sie starten konnten. Wir unterhielten uns bestimmt eine Viertelstunde sehr nett miteinander. Ich hätte meine Akkus auch bei ihnen, an der Wohnwagensteckdose laden können, statt im Sanitärbereich.

Heute Morgen schon um 6.45 gestartet. Windstill. Ich nahm mir Zeit, die neue Kirche zu besichtigen. Von außen. Beeindruckend!



Die ersten 5 Kilometer blieb es windstill. Dann aber begann, vielleicht aufgrund des sich ankündigenden Wetterwechsels ein Luftmassenaustausch, der es in sich hatte. Innerhalb weniger Minuten wandelte sich der schwache Gegenwind in einen richtigen Sturm.

Ich hatte Mühe voranzukommen und schaffte es nach vier Stunden gerade einmal 40 km weit.

Gefährlich wurde es, wenn der Sturm in Böen von der Seite kam und ein vorbeifahrender Laster oder Geländewagen mich zur Straßenmitte anzusaugen versuchte. Mit weniger als 10 km/h beim Aufstieg ist man leichte Beute für „Seitenangreifer“ und kann kaum Gegenlenken, ohne von der Straße abzukommen.

Nach gut 50 Kilometern sah ich die Stelle, wo ich vor fünf Jahren (genau am 14. Juli, dem 87. Geburtstag meiner Mutter) meine erste Reitstunde des Lebens genommen habe (Gauksmyri).*
Zwar wollte ich dieses Mal (am 13. Juli) ohnehin nicht reiten, nur zu Mittag essen in dem tollen Restaurant mit Zuschauertribünen und Aussicht auf den Vorführparcours.
Leider wurde ich enttäuscht, weil die gesamte Anlage wegen COVID-19 geschlossen war.

Ich hoffe, nur vorübergehend.
Auch die Pferde waren nicht da. Wahrscheinlich grasen sie ohnehin viel lieber im Freien und verzichten auf den Touristenrummel…

Ein merkwürdiges Gefühl aber, diese früher von Gästen überflutete Anlage jetzt als „Geisterort“ zu erleben.

Ich fotografierte alles und drehte auch ein kurzes Video. Vielleicht setze ich später einmal an dieser Stelle noch ein paar Bilder von 2016 zum Vergleich ein…



Kurz danach, der Gegenwind wurde noch stärker, hielt ich kurz an einer Info-Tafel bei der Abfahrt nach Hvammstangi. Dort gab es zwar auch einen Campingplatz, der Ort lag aber entgegen meiner Fahrtrichtung. Nein!
Ein Schweizer Geländewagen hielt an. Die Insassen kamen mit der gleichen Fähre wie ich nach Seyðisfjörður und hatten noch zwei Urlaubswochen vor sich. Für die Überfahrt samt Fahrzeug bezahlten sie etwa 2600 €…

Am frühen Nachmittag sah ich nach 73 km einen Campingplatz und beschloss, den unnützen Kraftverschleiß zu unterbrechen. Ich verbrauchte heute mit Sicherheit mehr Energie, als bei meinem 195 km-Ritt in Dänemark von Lohals Richtung Århus in der ersten Reisewoche, als ich nach 30 km Regen trockenes, sehr heißes Wetter und „ Rückenstarkwind“ bekam.


*Im Laufe von 30 Jahren Lehrertätigkeit an der Rudolf Steiner Schule Bochum hatten meine Schüler, insbesondere die Mädchen aus einem besonderen Grund viel Freude daran, ihren Lehrer immer wieder zu necken. „Hi, hi, der Herr Marsollek saß zwar schon mal als Kind auf einer Kuh. Er kann aber nicht reiten, hat Angst vor Pferden und läuft vor ihnen weg. Hi, hi!!!“
Das meiste davon stimmte, ich habe in meinem schlesischen Dorf zwar unter Aufsicht auch Pferdewagen gelenkt, wir hatten Allerdings selbst keine Pferde und ich weiß von Kindern im Dorf, die bei uns durch Pferdetritte auch schwer verletzt wurden.

„Prinz“, ein ganz ruhiges Pferd wurde mir auf Island zugeteilt und es gelang mir damals in den anderthalb Stunden nach Eingewöhnung sogar, etwa 15 km weit zu reiten. Sogar in verschiedenen Gangarten.
Bequem, muss ich zugeben.

Ich kann seitdem verstehen, dass es viel Freude bereiten kann, zu reiten. An meinen Drahtesel musste ich mich bei Fortsetzung meiner Tour direkt wieder gewöhnen.
Nach der Rückkehr aber, drehte ich den Spieß um:
Wer von euch ist schon mal geritten? Hand hoch! Alle.
Wer ist schon einmal auf einem Isländer geritten? Die meisten Kinder .
Wer von euch ist schon mal in Island auf einem Isländer geritten? Nur meine Hand ging auch zum dritten Mal hoch…

NACHTRAG UM 22.30 UHR, nach dem Abendessen:

Bei meiner ersten Radtour rund um Island (2016) badete ich einmal im etwa 5°C warmen Atlantik und ließ alle „Hotpots“ auf dem Wege aus.
Jetzt wollte ich es anders machen. Mit der Einschränkung allerdings, dass ich als Radfahrer (auch bei einer sechswöchigen „Rundreise mit Abstechern“ – wie heute zum Beispiel – immer schlecht einschätzen kann, wieviel Kraft und Zeit ich benötige, um überall durchzukommen und ob ich Alternativen habe.

Die NordwestfjordeWestfjorde , in die ich ab morgen eintauche sind so eine „Blackbox“, der Zeitbedarf kann sich schnell verdoppeln. Nach dem größten Vogelfelsen Europas (Látrabjarg) im Westzipfel Islands ist das dann leichter. Notfalls streiche ich z. B. die zwei Tage Westmännerinseln, um mir die glühenden, aktiven Lavaausbrüche (passieren etwa alle 20 Minuten) bei Anfang August schon einsetzender leichter Dunkelheit unweit von Keflavik anzuschauen (dreistündige Wanderung nötig).

Heute aber, war mein Abbruch nach 73 km wie so oft, wieder ein Glückstreffer: Ich konnte zweimal für je gut eine Stunde im 40°C heißem Hotpot direkt am Campingplatz gratis einsteigen und mich mit anderen Campern auf Polnisch, Holländisch, Tschechisch und Deutsch unterhalten und viel übers Mikroklima und über den Straßenzustand auch meiner bevorstehenden Strecke erfahren.

Herrlich, der Blick auf den Fjord und den Himmel. Ein Bisschen aufpassen muss man aber, dass man nicht zu nahe mit den Zehen an die Eintrittsstelle des kochend heißen Erdwassers ins Becken kommt.

Alles total surreal, aber wahr.

Nach dem ersten Badegang spielte ich eine Stunde lang Gitarre, von Vielen, auch von der Platzwartin (auf bestätigendes Zunicken meinerseits) gefilmt.

Danach wärmte ich mich ein zweites Mal auf und aß, ausgehungert, meine Reisebrote von heute früh auf. Die morgigen sind seit heute Mittag verpackt.



Jetzt ist es schon 23.15 Uhr. Mein Nachtrag dauerte länger, weil ich noch einem tschechischen Mädchen, das mich auf das Fahrrad hin ansprach, natürlich die tschechische Gitarre auspacken und anstimmen musste. Sie spielte Dylans knockin‘ on Havens door…

Ich darf beneidet werden…

Ach ja, heute knackte ich die 2000 km Marke:

700 km DK

300 km Fo

1030 km Island, CO2-frei

Foto: Himmel um 23.30 Uhr.

Vestfjörður/ die Westfjorde: Es ist die Schmetterlingsartige Halbinsel oben links, wo ich – wie an den Mývatn schon immer einmal hinwollte – die ich jetzt durch die Umwege auf etwa 400-500Kilometern bereisen will…


Morgens am 14.Juli 2021: Ein paar Regentropfen haben mich zwar um 6 Uhr geweckt, vielleicht kann ich aber doch trockenen Zeltes starten, da, windbedingt, kein Kondensat im Zeltinneren blieb.