Akureyri – Varmahlið (100 km)

Etappe 10, Übernachtung 11

Sonntag, 11. Juli 2012

Ich blicke auf die Armbanduhr: 5.28 Uhr. Da kann ich ja gleich aufstehen, denn der Wecker klingelt um 5.45 Uhr.
Um 6.15 Uhr breche ich auf. Es ist kalt und windstill. Das Zelt blieb trocken. Meines jedenfalls, beschirmt von Zitterpappeln.

Verflixt, am Tor zur Stadt fällt mir auf, dass ich um 4.15 Uhr aufgebrochen bin: Meine Armbanduhr fand ich gestern im irgendeiner Tasche und legte sie um.

Sie ging zwar genau, zeigte aber die deutsche Sommerzeit an. Na ja, vielleicht bin ich dann abends, trotz der schweren Pässe in Blönduós angekommen, wie vor 5 Jahren.

Die roten Ampeln von Akureyri blicken mich herzlich an, schalten aber sofort auf grün, wenn ich mich ihnen nähere. Bis ich aus der Stadt westwärts rauskomme.

Längst habe ich warme UND regendichte Kleidung angezogen.


Die Steigungen führen mich auf 200 Höhenmeter.
Ich komme in den feuchten wolkennebel und werde nach 30 km müde. Richtig müde. Aus den Reiseerfahrungen der ersten Extremfahrten weiß ich, dass man als Radler selbst bei 10% Steigung mit vollem Gepäck in den Sekundenschlaf fallen kann. Soweit will ich es nicht kommen lassen, befinde ich mich doch gerade kurz vor der Stelle, wo der Aufstieg auf 540 Höhenmeter beginnt. Kann gefährlich werden, auf der 1 mit aufwachendem Autoverkehr.

Der beim Universum bestellte Idealplatz taucht auf. Direkt am Flussufer.

Ich „sattle“nur teilweise ab, fixiere das Zelt mit nur vier Heringen: Selbstaufblasbare Matte, Schlafsack , Lenkertasche im Innenzelt, Gitarre und große Packtaschen im Außenzelt und ich schlafe bei Nebel sofort den Murmeltierschlaf.

Zwei Stunden später, die Sonne weckt mich. Es ist zu heiß im trockenen Zelt.

Kleines Frühstück und ab nach oben!

Zwischendurch merke ich, dass sich die Klickadapterschrauben am linken Schuh lösen. Wie immer bei meinen Touren, nach etwa 2000-3000 Kilometern. Warum ist aber immer der linke Fuß als Erster dran?

Just an der Stelle, wo ich mir vor 5 Jahren vor dem Aufstieg ein Süppchen kochte und das Zelt im Wind trocknete halte ich an und justiere alles neu. Müsste bis Zuhause halten. Auch der rechte Adapter war schon locker…

Schuhreparaturwerkstelle(Dieses Foto gehört weiter nach oben).

Während ich nach meinem Nickerchen „unten am Fluss“ den aufkommenden RÜCKENWIND nutzen konnte, drehte sich dieser direkt nach der Schuhreparatur in Gegenrichtung und blies mir nicht nur beim Klettern bis auf 540 m beständig kräftig entgegen, sondern verhinderte auch eine lange schnelle Abfahrt über viele Kilometer, sodass ich kräftig treten musste, um überhaupt 20 km/h zu erreichen. Selbst bei Windstille wäre ich sicher doppelt so schnell gewesen.

Auch wenn Fotos nur einen sehr geringen Teil des beim Radeln real Erlebten wiedergeben können: Hier dennoch, oben wie unten, ein paar Aufnahmen,‘ die ich, weil ich überall stehenbleiben konnte, zwischendurch schoss.
Autofahrer können im Vorbeirauschen die kleinen Blumeninselchen gar nicht.

Der Gegenwind blieb mir, noch kräftiger werdend, bis Varmahlíð treu. Hier kräftigte ich mich schon vor 5 Jahren und auch jetzt.

Am Ortseingang sah ich, dass es im Ort einen Campingplatz gibt: Ohne Duschen, bescheiden ausgestattet. Ein Schwimmbad in Wurfweite. Ich musste ja nicht unbedingt schon heute den 440m-Pass bewältigen, um nach Blönduós zu gelangen. 100 km mit vielen Höhenmetern und Gegenwind sind doch auch was. Ich habe ja diesmal viel Zeit…

Ein englisches Radlerpaar nach 10 Jahren zum zweiten Mal quer durch Island unterwegs baute sein geräumiges Hillebergzelt in einer Ecke der Vierecksparzelle auf.
Ich am Eingang.
Es gab bestimmt ein Dutzend solcher „baumeingefriedeter“ Parzellen hier. Platz genug für alle.

Es wurde eine lange musikalische Begegnung mit Zuhörern aus Island (die meisten), England, Belgien, Frankreich und Deutschland. Die englischen Radler freuten sich riesig, haben mir sogar ihre Adresse mit der großen Bitte, sie doch unbedingt in zwei Jahren, wenn ich Großbritanien und Irland erstmalig besuche, vorbeizukommen. Wer weiß???