Dienstag, 12. Juli Goðafoss – Akureyri (Harry Potter-Isländisch)/56 km

Islandkarte 17-18

 

 Trotz der langen Strecke gestern und der vielen Höhenmeter auf dem letzten Abschnitt über die Fljótheiði wache ich schon um halb 7 Uhr auf und habe Zeit. Zwar ist es noch bewölkt und meine nach dem Aufwachen auf den Vorderreifen des liegenden Rades* gelegten Schuhe werden beim Start noch etwas nass sein: Sie werden aber während der heutigen Etappe richtig austrocknen, um bis zum Ende der Tour 2016 trocken zu bleiben.

*Ich lege mein Rad, das gelegentlich auch als Hilfe bei der Zeltfixierung dient, immer hin. soll es stehen bleiben, so achte ich darauf den Abstand zwischen ihm und Zelt groß genug zu halten, dass es nicht auf meine mobile Behausung fallen kann.                                  

Ein guter Entschluss gestern, der Wettervorhersage zu vertrauen und eine „Flucht“ aus einem Regengebiet anzugehen, in dem ich nicht unbedingt bleiben musste. Überhaupt sind die Wettervorhersagen „auf Island“ sehr zuverlässig, sodass es lohnen kann – wenn man sein Tagesprogramm als Radler überblickt – etwa ein paar Stunden zu warten, um Wolken abregnen zu lassen oder bei Ankunft freundliches, sonniges Wetter anzutreffen. Immer wieder und überall auf Anhöhen „begegnen“ mir in den meistens mit „0 Einwohner je Quadratkilometer“ bei Wikipedia angegebenen Abschnitten, unzählige kleine Wetterstationen mit Sonnenkollektoren ausgestattet, welche in der computervernetzten Zeit minutiös den Durchzug einzelner Regenschauer prognostizieren können.  

(Das „Fliehen“ in freundlichere Wetterzonen funktioniert manchmal auch in Skandinavien (wenn man seine Ferien nicht ortsgebunden in einer Hütte verbringen muss), allerdings sind die dafür nötigen Strecken in der Regel beträchtlich länger. Meine Frau und ich flohen Anfang der 1980er Jahre einmal, von einem idyllisch gelegenen Campingplatz bei Frosta im Trondheimfjord fast 1000 km weit bis Riksgränsen im schwedischen Lappland und hatten auf der Weiterreise zu Freunden in Südfinnland fortan sonniges Wetter (Unser Billig-Kaufhauszelt regnete damals ein und drohte im Sturm einzubrechen; wir mieteten in Riksgränsen für eine Nacht eine Stuga(Hütte), das Zelt wurde auf der Wäscheleine trocken)).

Ich schreibe also zunächst ausführlich Tagebuch, telefoniere  nach fast 1700 Radkilometern  -und bei ausgezeichnetem Empfang – mit dem Redakteur unserer Lokalzeitung in Bochum (dort ist es schon zwei Stunden später), telefoniere bestimmt 10 Minuten lang mit Ivar Hollanders, dem aus Akureyri stammenden Lehrer der Waldorfschule außerhalb Reykjaviks und kann ihn gut und viel besser verstehen als vor zwei Wochen bei der direkten Begegnung auf dem Schulgelände. Ivar meint, dass ich in Akureyri, wo es eine große Buchhandlung geben soll, ganz bestimmt einen Band von „Harry Potter“ auf Isländisch bekommen dürfte…

Frühstück.                                                                                                                                       Kurz vor 11.30 Uhr geht’s weiter. Heute nur bis nach Akureyri (56 km), wo ich eine Nacht bleiben will und nur vor Ladenschluss angekommen sein muss.

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Motorisierte Islandreisende sind nicht so gehfest und stellen ihre „wohnkabinenbewehrten“ Fahrzeuge gern an den Sanitäranlagen ab und haben dann u.U. einen „Mauerblick“…          Links hinter meinem Zelt hingegen ist der Blick frei auf den Goðafoss. Auf der Hügelkuppe: Hotel-Restaurant mit Campingrezeption.IMG_2492 IMG_2493 IMG_2494 IMG_2500 IMG_2503 IMG_2504 IMG_2508 IMG_2509 IMG_2510

„Der Radler“ genoss am mit mehreren Parkplätzen und bequemen Zugangswegen mit Plattform ausgestatteten und sehr erlebenswerten Goðafoss einen Sonderstatus: Zunächst  konnte ich mit meinem „Fahrzeug“ direkt bis zur günstigsten Aussichtsplattform vorfahren, das Rad abstellen und das Wasserrauschen genießen. Viele Touristen aus Italien, Deutschland, Japan, Spanien, Belgien, den Niederlanden usw. erkundigten sich dann bald nach meinem Reiseverlauf und manche baten darum, Fotos von mir, mit mir, mit dem Fahrrad und mir, mit dem Fahrrad, dem Wasserfall und mir oder auch von der Rückenansicht meiner Jacke machen zu dürfen, um leicht auf die Blog-Adresse zurückgreifen zu können. Dem Wunsch bin ich gern nachgekommen und bat sie auch, einige Fotos für mich mit meinem IPhone zu schießen…

…Weiter.

Direkt nach dem Wasserfall beginnt auf der Ringstraße ein leichterer Aufstieg. Nach wenigen Kilometern und vielleicht 100 Höhenmetern mündet von rechts die Straße Nr. 85 ein. Mir wird bewusst, dass ich ohne die Umleitung gestern ganz sicher nicht am Goðafoss  gelandet wäre… Gut, dass meine eigentliche Strecke gesperrt war…

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Gut zwei Stunden nach dem Start kündigen Schilder eine Bergtour über mehrere 100 Höhenmeter an. Zeit zum zweiten Frühstück. Ich bleibe an der Schneekettenanlegestelle mit Blick auf die ersten Herausforderungen stehen und mache es mir richtig gemütlich.  Zwei Deutsche Studenten mit einem kennengelernten spanischen Weggefährten überholen mich vorher schon, wollen die Höhenpassage direkt angehen. Sie sind  nur 2 Wochen auf der Insel, betreiben „Bus-Hopping“ mit 2-3 Tage langen Radetappen dazwischen. Der spanische Radler ist mehr oder weniger „ortsfest“ unterwegs, schließt sich jetzt aber den Deutschen an, fährt paar Tage mit. Alle Drei fahren ihre eigene Geschwindigkeit und treffen sich an abgemachten Punkten oder z.B. bei mir, weil ich gerade Fotos mache, im Wissen um die bevorstehende Rast.

IMG_2514 IMG_2515Etwa einen Kilometer vor meinem Rastplatz begegnete ich den drei jungen Studenten; ein älterer Radler fuhr grüßend hier vorbei, als ich rastete.IMG_2516Geschafft, es geht wieder rasend bergab zum Eyjafjörður, an dessen Anfang Akureyri liegt.IMG_2520

Kolkraben beobachten mich von Klippen aus. Ich höre sie und bleibe stehen. Sie fliegen los und segeln über mich hinweg. Einen von drei erwische ich recht gut um ihn „im Blog zu landen“…IMG_2537

Am Fjord angekommen, „zieht sich der Weg noch“ etwa 20 km lang, bis ich die mit 18.000 Einwohnern größte Stadt im Norden erreiche (trotz der Langstrecke von gestern befinde ich mich in Akureyri immer noch nur 50 km weit vom nördlichen Polarkreis entfernt).

„Natürlich“ ist hier alles touristisch perfekt aufbereitet, man weiß, was der Besucher zu sehen (und zu kaufen) wünscht. In einem Schuhladen, in dem sich gerade gefühlt GANZ JAPAN trifft um auf Englisch die 10 Paar Lederschuhe per Nase im Supersonderangebot zu erstehen, frage ich in Landessprache nach dem größten Buchladen des Ortes und bekomme genaue Auskunft.

„Natürlich“ hat Akureyri ob seiner Lage und Geschichte viel Interessantes zu bieten. Da ich die Stadt aber kaum besichtige und nur „zielorientiert“ besuche, berichte ich hier nur wenig. Im Nachhinein bedauere ich es aber, die „Akureyrikirche“ nicht besucht zu haben, weil ich eine Woche nach meiner Rückkehr im Lutherhaus in Bochum-Stiepel eine Jugendaustauschgruppe aus Island bei einem zweisprachigen Gottesdienst kennenlernte und mit dem Pastor, der besondere Beziehungen zu Akureyri hatte, sowie mit einigen der Jugendlichen nach dem Gottesdienst länger sprechen konnte…    IMG_2540 IMG_2541 IMG_2542 IMG_2544 IMG_2545Der riesige Buchladen ist schnell gefunden, Harry Potter auf Isländisch auch und die sehr nette Buchhändlerin, die sich für mich viel Zeit nahm, bedauerte sehr, dass es in Island nur sehr wenige Bücher in Audioversion gibt und die Rowling-Bücher gar nicht. Schade, dies wäre mir eine große Hilfe beim Leseverstehen gewesen. Dennoch, ich freue mich riesig über meinen Kauf und erstehe auch gleich mein erstes Deutsch-Isländisch-Wörterbuch.   IMG_2546
IMG_2548Draußen spricht mich ein Amerikaner aus Pennsylvania an, dessen Freund Waldorflehrer und Radler ist wie ich. Welch ein schöner Zufall. Wir sprechen einige Minuten miteinander, er macht das Foto eines glücklichen Bücherbesitzers, wir werden gemeinsam fotografiert und verabschieden uns, als ich plötzlich von einer deutschen Busreisegruppe umringt werde. Die hat es sehr eilig, verbringt nur eine (?) Woche auf Island und mit mir ein besonderes Fotomotiv findet. Eine sehr herzliche Begegnung. Viele kurze Gespräche, Bilder, Tipps, Glückwünsche. Sie müssen schon wieder weg, ich muss noch verpacken, noch schnell ein gemeinsames Gruppenfoto mit einem Teil der Gruppe. Gute Reise!!!                                                       Herzlich! Herzlich eilig aus den Reiseumständen heraus…  

IMG_2552 IMG_2553 IMG_2554 IMG_2555Auf dem kürzesten Weg zum mitten in der Stadt gelegenen Campingplatz*  gilt es, an der Akureyrikirche vorbei eine der anstrengendsten Steigungen meiner Gesamttour zu bewältigen. Stóri-karl und ich schaffen das auf dem Stadtasphalt natürlich(!) und bekommen mitten „im Betriebsmodus“ ein anerkennendes Hupkonzert eines auf halber Höhe wendenden Touristbusses – hier wurde eine Wendemöglichkeit geschaffen, um Touristen eine bessere Aussicht auf die unten liegende Kirche zu bieten – und ernten „Standing Ovations“ der staunenden Businsassen…                                                                                                                                         *(es gibt 5 km außerhalb der Stadt einen zweiten, wunderschön gelegenen, erfuhr ich in der Touristeninformation)IMG_2556Der auch sehr karg ausgestattete Campingplatz (ich sah im Herrenblock nur eine Dusche (nach dem Schlüssel musste man (gegen Gebühr) anfragen) füllt sich mit Campern aller Art, auch mit einigen Radlern…, und mit Jugendgruppen, die schon da sind und im Bereich des Sanitärblocks (weil dort Tische und Sitzgelegenheiten sind und man sich heute „im eigenen Universum“ nur ungern aktiv stehend betätigt) lärmend und daddelnd ihren Kommunikationsbedürfnissen nachgehen. Der Lärm hält sich in Grenzen, da auch Betreuer dabei sind. Mein Zelt ist schnell bereitet, das Essen ebenfalls (gebackene Bohnen nach Reinholds Art  pikant „veredelt“), heißes Wasser für morgen gekocht.

Interessant zu sehen, wie lange es dauert bis der Nutzer eines der in Island häufig zu sehenden  Palomino-Wohnwagen benötigt, bis alles betriebsbereit ist, der Tee gekocht, die Betten eingerichtet usw…, man sich in Ruhe hinsetzen kann.                                                                 Ich hab es da leichter (auch mit meiner Kritik) mit dampfendem Bohneneintopf vor mir, belegten Broten, heißem Tee und Harry Potter an der Seite…

Vor 21 Uhr lege ich mich zu Ruhe, nachdem ich im Internet sehe, dass das Wetter morgen Abend im etwa 150 km „hinter vielen Bergen“ am Meer liegenden Blönduós sehr freundlich sein soll, während es gleichzeitig  für das nähere, durch eine Halbinsel getrennte und in Luftlinie nur etwa 30 km entfernte  Sauðarkrókúr eine Regenprognose gibt. Heute hat es gar nicht mehr geregnet und es schien auch immer wieder die Sonne… Morgen geht es in Richtung Blönduós weiter, vielleicht komme ich sogar an. Der Lärm der jungen Fußballer, welche sich die freie Wiese um mein Zelt herum als Bolzplatz ausgesucht haben, stört mich nicht weiter. Sie sind vorsichtig, mein Zelt wird wohl nicht getroffen. Ich nehme es jedenfalls im Land der Träume nicht wahr…

IMG_2562Namen und Orte im Buch über Harry Potter…IMG_2563Hier im überdachten Zwischenraum saßen die Jugendlichen (Foto um 5  Uhr des nächsten Tages)