Freitag, 8. Juli: Hjarðarhagaheiði – Vopnafjörður (Schneefall, Einradfahrer,“Pichelsteiner Eintopf“mürrisch gewürzt, LÖGREGLA)/91 km

 Islandkarte 13-14

Ich wache um 5 Uhr auf, Regen zieht auf; viel Regen.                                                           Schreibe Tagebuch. Werde das komplett trockene Iinnenzelt wohl rausknipsen und es später  in Vopnafjörður wieder einhängen. (Gegen)wind kommt auf, mal sehen, wie es wird…

Schreibarbeit geleistet bis  um 10 Uhr. Regen weniger. Zelt Dank des Windes fast trocken verpackt und um halb 11 gestartet.

IMG_2127Die kleine Lärche am „Fahnenmast“ und drei weitere Bäumchen in unmittelbarer Umgebung des Zeltplatzes haben keinen Schaden genommen…

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Es ist kalt, vielleicht 2-3 °C, es beginnt zu nieseln. Ein Wasserfall interessiert Autotouristen, ich fotografiere ihn nur und mache mich „regenfest“.

IMG_2130Ich hoffe, mich an der Tankstelle bei Skjóldolfsstaðir am Tee und Kuchenstück aufwärmen zu können.

PusteKUCHEN…, also die Tankstelle gibt es, AUTOMAT(!), irgendwo in den wenigen Gebäuden auch Gästezimmer. Brauche ich nicht!

Noch bin ich nicht warm, noch nicht auf „Betriebstemperatur“. Abhilfe ist aber schon in Sicht: IMG_2132

Während nach 10 km in einer Rechtskurve der Ringstraße die flache Straße Nr 901nach links abzweigen wird, beginnt auf meiner Strecke ein sehr langer Anstieg.

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Damit von der 901 aus kommende Reisende die richtige Richtung einschlagen, ein Straßenschild.

Direkt an der Abzweigung beginnt ein Anstieg auf etwa 500 m (keine Ahnung, ich zähle spaßeshalber die Anzahl der Kurbelumdrehungen im ersten Gang). Nach 2525 Umdrehungen(!) – ich beginne  plötzlich“ In The Year 2525″ zu singen – * ist es erst einmal flacher, jetzt ist es mir aber trotz Kälte warm und: Es gibt Mailempfang! Es gibt  auch eine Regenunterbrechung(!). Diese Gelegenheit nutze ich, erledige zwischendurch meine „Reisepost“, habe nach 20 Minuten aber sehr kalte Finger.          Und der Regen setzt wieder ein…,

*Ich singe oder pfeife bei Anstiegen tatsächlich meistens leise vor mich hin und erfinde auch unzählige Melodien, wechsle aber aus langjähriger Erfahrung bewusst das „Programm“, nachdem mir 2006 bei der Reise von Oslo bis zur Russischen Grenze nach Kirkenes im Gudbrandsdalen eine wunderschöne, komplizierte Flötenmelodie der Chieftains einfiel (mein Dortmunder Freund  Andreas und ich – Andreas, ich grüße Dich! – titulierten sie im Oktober 1980 einmal als das „DORSCH-KOMM-LIED (beim Angeln auf Langeland/DK nach reichlichem Fang…)) und ich sie während der etwa 800 km über 4 Tage und Nächte fast bis Namsos nicht mehr loswerden konnte. Bei meiner 10.000 km-Skandinavienrundfahrt (Tour 2013 im gleichen Blog), da hatte ich übrigens von den 67 Reisetagen an 40 Tagen Dauerregen, passierte das mit „dem OHRWURM“ nicht mehr. Es entstand diesbezüglich sogar mal bei einer 260 km-Etappe(!) ein Blogbeitrag, den ich „Die sorbische Hitparade“ titulierte (genauer für Interessierte: „Namsos-Tjøtta?Sorbische Hitparade, Sorben/Samen(Lappen“ vom 11. Juli 2013)… 

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Weiter! Der Regen setzt nur für kurze Zeit ein, denn oben nach weiteren etwa 200 Höhenmetern wandelt er sich zunehmend in Schnee. Es herrschen (im Juli) über kurze Zeit 0°C(!) und darunter! Mir ist aber nicht mehr kalt.                                                                    Selten begegnen mir Fahrzeuge (Als ich Mails schrieb, überholte mich grüßend ein Radfahrer).

Am Abend erfuhr ich von Autofahrern auf dem Campingplatz, dass sie später am Nachmittag an gleicher Stelle in einen richtigen Schneesturm gerieten. 

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Der Schneeschauer huscht schnell vorbei, der starke Gegenwind hält an.                             Nanu!, ich seh´wohl nicht recht?!?:                                                                                                            Ein Einradfahrer kommt mir entgegen! Fährt er mit Rucksack und Bauchsack auch eine Tour???…, keine  Fata Morgana!!! …(ist mir schon passiert)*     Das ist doch mal eine Herausforderung! 

Ich bin so baff, dass ich ihn als wir aneinander vorbeirollen nur erheitert grüße und, seine Leistung anerkennend, den Daumen im Handschuh hebe. Er hat Rückenwind und rollt auf seinem Großeinrad lächelnd (in kurzer Radlerhose(!) leicht und schnell bergab). Wo kommt er her? Wo will er hin? wie kommt er zurecht, vor allem an Gefällstrecken wie jene, die er gleich erreichen wird? Fragen über Fragen, die offen bleiben müssen… Ich bleibe kurz stehen und erwische ihn noch schemenhaft als grünschwarze Silhouette, kaum als Einradfahrer auszumachen… Hinterhersausen? Bergrunter? Ihn anhalten, seinen Rhythmus stören für meine „dämlichen“ Fragen? Und wieder berghoch kurbeln?

Einzeletappe? Rundfahrt? Zelt? Verpflegung? Begleitung?

Hätte,hätte…Fahrradkette…im Nachhinein…

Ich selbst kann etwas Einrad fahren, gewöhnliches Einrad. Und paar Kilometer am Stück schaffe ich nach kurzer Einübung auch. Aber DAS???                                                                          Als 2010 einmal im Sommer der Ruhrschnellweg gesperrt wurde und Hunderttausende darauf radelten, joggten, rollten, feierten, da fuhr ich zwischen 10-17 Uhr auf meinen Speedskates auch etwa 90 km weit von Zuhause bis nach Dortmund an den Anfang der Strecke, dann bis zum Essener Fernsehturm und zurück. Auf der Rückfahrt, als es gegen 16.00 Uhr  auf der A 40 schon leerer wurde, überholte ich einige Einradfahrer mit Großrädern und weiß seitdem, dass sie durchaus etwa 25 km/h Dauergeschwindigkeit halten können. Wie gestaltete aber meine „Nicht-Fata-Morgana“ seine Fahrt?

GUT, DASS NOCH RÄTSEL VERBLEIBEN…

*Im Buch „18 Nächte zur Mitternachtssonne“ beschreibe ich auf S. 123, wie ich bei Alta in Nordnorwegen plötzlich (und einmalig) beim Radfahren durch Übermüdung einer Halluzination erlegen bin…

 

IMG_2140Ach ja, Rene gibt es hier tatsächlich, und ich durfte sie an anderer Stelle lange beobachten…

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Das Wetter beruhigt sich. Ich werde ab der Abzweigung nach Vopnafjörður keinen Regen mehr erleben, der Himmel wird sogar leicht aufklaren. Es bleibt aber kalt auf der Hochebene. Der große Vorteil diesmal: Der Wind wechselt seine Richtung etwas, ich auch, sodass ich mit starkem Rückenanschub bis nach Vopnafjörður begleitet werde.

Bevor ich die Ringstraße 1 für mehrere Tage verlasse, um Islands Norden zu bereisen, nutze ich den Parkplatz mit Tisch, Sitzbank, Flusswasser in der Nähe, um mich nach den Besonderheiten des Tages – Anstrengungen inbegriffen – etwas zu „erden“. Der Kocher ist schnell ausgepackt, Tütensuppe gekocht, Brote gemacht, Obst gegessen, Tee gekocht.

Ein älteres Ehepaar, Sachsen aus dem Erzgebirge, frieren bei 4°C im Auto. Als ich beginne zu kochen, packen sie Ihre große Gasflasche und Kocher aus. Sie wirken auf mich mürrisch, zanken sich etwas hinsichtlich der Kochkompetenz (es gibt Pichelsteiner Eintopf aus deutscher Dose), der Wind macht es der Doppelkochplatte schwer, ihre Islandtauglichkeit unter Beweis zu stellen: Ich habe fertiggekocht, gegessen, Brote gemacht, Tee zubereitet, gespült, gepackt, als sie mit dem Essen beginnen. Eine Schokolade zum Tee, dass passt bei mir nach den bisherigen Anstrengungen  und der bevorstehenden „Kurbelitis“ (überwiegend bergab)  noch gut. Wir kommen ins Gespräch.

Fast zwei Wochen sind sie hier, mit eigenem Wagen. „Kalt ist es hier nur 4 Grad!“, machen sie mich darauf aufmerksam. Als ich auf meinen vor einer Stunde erlebten Schneefall verweise, werden sie noch mürrischer (vermutlich verschliefen sie ihn Im Wagen, als sie hier rasteten, weil sie aus entgegengesetzter Richtung der 1 kommend dringend eine Schlafpause brauchten). Sie sind erstmalig in Island. „Als unsere Freunde hier vor zehn Jahren waren, da waren 2 Wochen lang nur kurze Ärmel angesagt“, tönt es unisono aus beiden in Roten Jacken und blauen Jeans in Partnerlook umhüllten Gestalten. „Aber das!? Das haben wir uns anders vorgestellt…“ 

„Auch ich hätte Island wärmer eingeschätzt“, versuche ich zu vermitteln, aber der mir von meiner Frau vor über 10 Jahren gestrickte Isländerpullover  aus Alpaka bewährt sich auch bei meiner jetzigen Radtour prima. Und die Regensachen sind auch gut“…

So richtig warm kriege ich meine Gesprächspartner heute nicht mehr. „Ihr seid ja auch bald wieder zurück, in wärmeren Gefilden, ich hingegen „muss“ noch über zwei Wochen auf dem Rad aushalten, und muss jetzt los um warm zu bleiben“, sage ich am Ende meiner Schokoladentafel und verabschiede mich.

Island hat meinen Landsleuten schon gefallen, finde ich heraus, nicht aber die Temperaturen…

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…Es geht zügig weiter und ich komme gegen 19.00 Uhr in Vopnafjörður an, auch wenn ich auf den letzten zwei Kilometern den Ort zu verfehlen glaube. Er versteckt sich genial hinter einem Hügelrücken. Das Geschäft, längst geschlossen, die Bürgersteige, Spielplätze: „Hochgeklappt“.

An der Tankstelle ist der Imbiss/Grill in Betrieb. Die Gelegenheit nutze ich, um Isländisch zu üben, herauszufinden, wo der Zeltplatz ist und mich mit einer mittleren Portion „franskar“(s.Bild) unten zu stärken.

IMG_2157 IMG_2158 IMG_2159 IMG_2161 IMG_2162Von wegen „Politi“, „Polis“, „Poliisi“, „Polizei“ oder sonstwas: „LÖGREGLA“ heißen die „Gesetzes- und Ordnungshüter“ hier (LÖG – GESETZ, REGLA – REGEL/ORDNUNG), ist doch ganz klar…, oder?      Für Ausländer steht noch ganz klein „POLICE“ darunter…

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Der noch fast leere Campingplatz mit 2 Toiletten, einer Duschkabine und Abwaschgelegenheit draußen. Die Dusche Gratis – heeeeerlich, auch wenn ich mitunter im Winter zwischen Eisschollen schwimme.