Mittwoch, 6. Juli Djúpivogur – Fáskrúðsfjörður (Islands Straßenkunde/“Verkehrsopfer“/Hype-Tourismus)/112 km

Islandkarte 11-12

Schon vor 5 Uhr wache ich auf, ganz ohne Wecker. Die Sonne flutet bereits mit ihrem Licht den Fjord, seine Ufer und mein Zelt. Wunderschön! Der Zeltplatz hat sich am Abend noch gut gefüllt. Zelte, „Happy Camper“, Campingbusse, Motorradfahrer. Der Platz füllte sich still auf während ich schlief…                                                                                                                      Da jetzt noch „alles schläft“, beschließe ich schnell meine Sachen zu verpacken, in der Küche in Ruhe Tee zu kochen, Brote zuzubereiten und bald loszufahren.

Daraus wird nichts und das ist gut so: Bjarni, mein etwa 10 Jahre älterer isländischer Gesprächspartner von gestern ist auch Frühaufsteher. Er kocht  in der Küche bereits Kaffee als ich eintreffe, bringt ihn seiner Frau und kehrt bald zurück, um mit mir zu sprechen. Diese Gelegenheit, auf Isländisch ins Gespräch zu kommen, lasse ich mir nicht entgehen. Da Bjarni Norwegisch versteht, vergewissere ich mich gelegentlich in dieser Sprache, ob ich etwas richtig verstanden habe und frage ihm schließlich Löcher in den Bauch hinsichtlich der Beschaffenheit der Wege und der Streckenalternativen den Norden Islands betreffend.

ISLANDS STRASSENZUSTAND
Vorab bemerkt: Islands Straßen um Reykjavik herum oder im Zentrum der Städte und Dörfer sind durchaus mit unseren vergleichbar in Städten und Dörfern. Verlässt man die dichter bewohnten Gebiete aber, so kann man Überraschungen erleben.

Bjarni kennt sich aus, empfiehlt auf meine Fragen hin meistens aber die Ringstraße als den für Radler leichtesten Weg. Allerdings muss ich ja zwangsläufig recht bald von ihr abbiegen, will ich meine auch durch Tipps und Erkundigungen während der Fahrt besonders interessant gewordenen Ziele tatsächlich ansteuern. Andererseits kann ich in der verbliebenen Zeit unmöglich alles sehen, alle passierbaren Fjordstraßen, die von den Ausblicken her fast ohne Ausnahme traumhaft sind, „abklappern“, um sie „abzuhaken“, bin zu Kompromissen gezwungen. Außerdem: Negative Erfahrungen mit Nebenwegen oder vermeintlichen Abkürzungen, um an Kraft, Zeit oder Kilometern zu sparen habe ich in Skandinavien zur Genüge gemacht, sie haben mich vorsichtiger werden lassen. Da frage ich lieber vorher nach, besonders bei dieser Fahrt.                                                                                                                                                    Selbst die Ringstraße, Islands Straße Nr.1, wird am heutigen Tage um das Ende des Berufjörður herum auf etwa 10 km Länge aus einer „schlaglochperforierten Schotterpiste mit Achterbahncharakter“ bestehen. Straßen mit zweistelligen Nummern können durchgehend asphaltiert sein, sie sind es aber oft nur die ersten 50 m weit. Dreistellig nummerierte Straßen, die mitunter auch recht lang ausfallen, können das auch sein, sie gleichen aber meistens eher schwer befahrbaren Pfaden. Vierstellige Straßennummern gibt es auch, und auch Pfade ohne Numerierung, befestigt oder unbefestigt. Ortskundige werden mir aber etwa in einer Woche an der Tankstelle in Þórshöfn (gespr.Thourshöppn Th=stimmloses englisches „th“/Übersetzung: Thorshafen) dringend empfehlen, auf dem Weg zu Islands „Nordpol“, statt der viel kürzeren 8960 die durchgehend Malbik*(Asphalt)ausgestatteten Straßen Nr. 85 und 874 zu benutzen (Als ich später dann an der Abzweigung in die 8960 blickte ich nur kurz nach rechts und wusste sofort, dass ihr Ratschlag, den „Malbikleden“ zu nehmen und den „gamla leden“(alten Weg) zu meiden richtig war…).

*Hier ein schönes Beispiel zu Lehnwörtern, „weil das Isländische ja vom Norwegischen abstammt“ und man versucht sein könnte zu glauben, die Sprache sei so in etwa ein „altnorwegischer Dialekt“ der für die skandinavischen Nachbarn ohne weiteres zu verstehen sei: Lehnwörter aus anderen oder verwandten Sprachen sind auf der Insel eher selten oder so verfremdet, dass man sie nicht unbedingt gleich erkennt (s. Thorshafen) Sprachvergleich zu „MALBIK“: 

Deutsch: ASPHALT – DK/NOR/SWE: asfalt – FIN: asfaltti – ISL: malbik(gespr. malpick).  

…Bjarnis Frau kommt dazu, wir unterhalten uns insgesamt mehr als eine Stunde, machen Bilder, tauschen Adressen aus, wünschen einander „góð ferð“(gouth ferth) und gehen auseinander…

Start um 7 Uhr. Macht nix, ich breche bereichert auf. Ein großes Schiff fährt in den Fjord hinein. Am Rauch aus dem Schlot sehe ich, die nächsten 25 Kilometer gibt es Gegenwind. Macht nix…

Der Supermarkt hier öffnet erst um 10 Uhr.                                                                             Dann werde ich mich halt erst in Breiðdalsvík ( nach 67 km) mit Kamillentee versorgen… 

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5.00 Uhr

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7.00 Uhr: Traumwetter. Windrichtung für mich eher ungünstig…  

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Nanu!.., Menschen gibt es hier auch…

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 UND: 17 Rene ruhen 17 km von Djúpivogur entfernt in der Nähe der Ringstraße. In Norwegen bin ich zwar auch schon an Herden von mehreren Hundert Tieren vorbeigekommen. Den hier seltenen Anblick will ich länger erleben. Ich bin für eine halbe Stunde bei „meinen“ Renen (kein Auto fährt vorbei), fotografiere und filme sie und erfreue mich am Anblick der „meinetwegen“ bereits im Sommer aus den Bergen im Osten des Landes heruntergewanderten Tiere…                                        

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Wölfe im Schafspelz habe ich hier nicht beobachten können (Füchse gehören in Island zu den größten „Raubtieren“). Immer wieder aber „Schafe im Schafspelz“…

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Die nicht geschorenen Tiere werfen irgendwann ihr Winterfell ab – stufenweise -, was zu interessanten „Bekleidungsphänomenen“ führt, die Mutterschafe betreffend, welche mitunter meterlange Wollreste hinter sich herziehen, bis diese dann irgendwo am Gestrüpp hängen bleiben…

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Das traurigste Foto meiner Reise:                                                                                             Jedes Jahr fallen in Island Tausende Vögel (und etwa 13 Menschen) dem Straßenverkehr zum Opfer. Zunächst räumte ich die Tierkadaver weg, gab dies aber nach einigen 100 km auf, es waren derer zu viele. Der erwachsenen Schnepfe oben wurde der Schädel beim Aufprall zertrümmert. Sie lebte nicht mehr, als ich sie bemerkte. Die Jungen fanden sie und kuschelten sich an ihre Seite . Als ich ankam, waren sie noch am Leben. Ich legte den Elternvogel an die Seite in eine kleine Steinsenke. Ein flacher Stein erlöste im Bruchteil einer Sekunde die Küken. Alle drei legte ich zusammen unter Steine und fuhr weiter…

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Gegen 14 Uhr erreiche ich Breiðdalsvik. Zuerst esse ich im Hotel Bláfell eine leckere „ortsübliche“ Speise. Der zusätzlich bestellte Salatteller enthält als Dressing nur wenige Tropfen Öl und Balsamico. Die nette Bedienung an der Rezeption (Alla Björk) berät mich und hilft hinsichtlich der Weiterreise. Sie erfährt per Anruf bei der zuständigen Straßenverwaltung, dass der 6 km lange Tunnel kurz nach Fáskrúðsfjörður (welcher die Srecke nach Egilstaðir, die größte Stadt im Osten, um etwa 40 km abkürzt) von Radfahrern genutzt werden darf. Danke! Das Hotel verfügt über gutes WLAN (kostenfrei). Im Kleinstsupermarkt Einkauf (auch Kamillentee). Weiterfahrt um 16 Uhr.

IMG_1984 IMG_1988 IMG_1995 Auch die Strecke ab Breiðdalsvik ist landschaftlich eine „Traumstraße“: Vogelklippen, die an Autofahrern nur als „steile Felsformationen mit Steinschlaggefahr“ vorbeirauschen, Anhöhen, welche nur Radlern sicher das Anhalten ermöglichen, um sich an besonderen Ausblicken zu „sättigen“ (oben und unten die Aussicht auf Andey).  IMG_1996

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Da überrascht es fast, wenn unvermittelt Ortsschilder und Bäume auftauchen, wenn in Stöðvarfjörður plötzlich Hunde Gassi geführt werden…

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Rast kurz vor Fáskrúðsfjörður und zwischen beträchtlichen Höhenanstiegen: Da ist es gut, wenn man sich genau für solche Gelegenheiten wenige Stunden vorher mit überreifen Bananen eingedeckt hat…

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Oben: eine französische Familie mit Mietwagen (2 Wochen 1800 € plus Benzin) und zwei Zelten.

Eintrag im Tagebuch: Komme gegen 20 Uhr in Fáskrúðsfjörður an, spreche vorher einen isländischen Pferdehalter auf seiner Koppel an. Er zeigt mir, wo der Zeltplatz liegt, der auf meiner Karte als CAMPINGPLATZ ausgewiesen ist.                                                                                   Toilette, kurzes Aufwärmen der kalten Hände im Waschbeckenwasser des Toilettencontainers. Dusche abseits. Schlange davor, trotz der nur etwa 10-15 Fahrzeuge am Platz. Telefonat mit Zuhause, danach Funkstille, keine Netzverbindung. Heute 112 km gefahren noch Magenprobleme, es geht aber schon besser.

Ich habe Zeit, mir gemütlich Essen zuzubereiten, mich für die „Nacht“ einzurichten, zu entspannen. Die Kräfte kommen zurück, trotz der 112 km. Das merke ich deutlich. Morgen werde ich sie gebrauchen…IMG_2020

„ALLES SCHLÄFT“:                                                                                                                        Oben, unten: Verschiedene isländische Anbieter mit verschiedenen „sinnigen“ Namen (z.B.“Happy Camper“- nicht auf dem Bild!), sinnigen Logos oder ggf. mehr oder weniger sinnigen Sprüchen versuchen um die Gunst der vielen (jungen) ausländischen Touristen zu buhlen. In beiden Wagen übernachten junge deutsche „NO-LOW-BUDGET-Touristen“, die auf schnelle Weise, den Island-Hype erleben wollen. Der Mietpreis des kleineren Fahrzeugs (unten vorne) dürfte mindestens 2000-2500€/2Wochen, der des größeren 3000-3500€/2Wochen betragen haben.IMG_2021

Unten: Verkehrswacht in Fáskrúðsfjörður (auch für Notfälle). Hier dürfte Alla Björk heute Mittag  angerufen haben, um sich für mich nach der Tunnelpassage zu erkundigen.

Mit ähnlich ausgestatteten und übermotorisierten Fahrzeugen wie dieser Rettungswagen (u.U. mit Wohnkabine auf dem Dach) „nageln“ auch Touristen immer wieder die Ringstraße entlang (besonders viele in und um Reykjavik herum). Nur äußerst selten finden sie aber die Erlaubnis, die PS-strotzenden Vehikel auch Off-Road zu benutzen…

Auch deutsche „Abenteurer“ tauchen hier  per Seepassage gelegentlich mit ihren „besonders auffällig aufgemotzten“ Geländewagen auf. Selbstverständlich haben sie dann nur für den Notfall(!!!) noch zusätzlich hinten am Heck und deutlich sichtbar: EINEN ROTEN RESERVEKANISTER, EINE GROßE GRABESCHAUFEL UND ZWEI STABILE UND PROFILIERTE STAHL- ODER ALU-UNTERLEGSCHIENEN platziert, um sich aus der Vulkanasche, wie ich sie am „SCHWARZEN MEER“ erlebt habe (s. Blogeintrag v. 1. Juli) herauszugraben…

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