Dienstag, 5. Juli: Höfn – Djúpivogur/ 105 km

 

Islandkarte 10-11

„Nachts“ gegen 4 Uhr werde ich wach, weil irgendwelche neu angekommenen „Hirnies“(Pardon, vier Rucksackwanderer) ihr größeres Zelt (wie ich später feststellen werde) etwa einen Meter neben meine „Hütte“ platzieren (obwohl genügend Platz vorhanden gewesen wäre, es weiter entfernt ohne akustische Belästigung anderer Camper zu tun)  und sich dabei in einer Sprache, die ich (noch) nicht verstehe, recht laut und unbekümmert unterhalten…                                                                                      

Ich habe keine Lust „Ordnungsdienst“ zu spielen, drehe mich um und schlafe noch etwas in den Morgen hinein.

Als ich gegen 7 Uhr starten will, kommt Patrick und wir unterhalten uns fast eine Stunde lang (Ganz liebe Grüße nach Höfn, lieber Patrick, falls Du meine Weiterreise verfolgt haben solltest).

Ich radle weiter, aber den ganzen Tag „mit angezogener Kraftbremse“  und komme nach über 100 Kilometern  gegen 19.30 in Djúpivogur an. Der kleine Supermarkt ist längst geschlossen. Gestern  im NETTO-Supermarkt „in Patricks Dorf“ hätte ich mir Kamillentee besorgen sollen. Immer wieder roch heute irgendeine Pflanzenart  am Straßenrand intensiv nach Kamille und erinnerte mich ständig daran. Der Campingplatz in Djúpivogur  ist leicht zu finden. Und auch: KAMILLE!!! Eine Pflanze „lächelt“ mich an, direkt am Wegesrand an einer der kleinen Zeltterassen unweit des Sanitärgebäudes mit warmer Dusche und gut ausgestatteter Küche mit Aufenthaltsraum (Danke!).    In der improvisierten „Rezeption“ mit einem Tisch vor dem Gebäude bedient eine junge Spanierin, seit einem Monat im Lande und des Englischen aber nicht der Landessprache kundig. Sie unterhält sich intensiv auf Spanisch mit einem älteren Ehepaar, der Mann scheint Isländisch zu können*…

Der bei meiner Ankunft noch nicht sehr stark belegte Platz wird von Deutschen, Niederländern, einigen Motorradfahrern, wenigen Isländern und den Insassen eines tschechischen Busses mit Schlafkabinen, ähnlich denen von Rotel-Tours „besiedelt“.                                                          Ich suche mir einen Platz mit schönem Blick auf den Fjord und komme ins Gespräch mit einigen Nachbarn:

-Einem jungen niederländischen Radler(Student), der schon eine von insgesamt zwei Wochen in Island verbracht hat, gelegentlich zur Überbrückung auch den Bus nimmt und hier auf einen Freund wartet, welcher morgen in Djúpivogur ankommen wird, um gemeinsam mit ihm weiter zu radeln.                                                                                                                                           – Einer Deutschen Familie aus Sachsen, die im geliehenen Campingmobil Island bereist und viel unternimmt (Im Hafen wird  bei Gelegenheit geangelt, heute wurde gemeinsam mit den zwei Kindern ein Ausritt unternommen, die Frau saß dabei zum ersten Mal im Leben im Sattel und machte „gemischte“ Erfahrungen.                                                                                                   *- mit Bjarni aus Kopavogi/Reykjavik, der als Seemann zehn Jahre in Norwegen gelebt hat, schon alle Weltmeere bereiste, dabei seine argentinische Ehefrau kennenlernte und inzwischen auch des Spanischen mächtig ist. Bjarni (etwa 10 Jahre älter als ich) ist mit seinem eigenen pfiffigen Camper unterwegs und  auf der Rückreise vom Norden (Morgen früh wird er mir sehr wichtige Tipps hinsichtlich der Streckenbeschaffenheit und -auswahl  meine Weiterfahrt betreffend geben). Wir unterhalten uns auf Isländisch und Fußball besetzt dabei inhaltlich einen großen Anteil. „Stell´dir vor, wir haben gerade mal 50 Profis, die meisten davon spielen im Ausland in der 2. und 3. Liga oder so und dann schlagen wir die Engländer, Welmeister 1966 mit der gegenwärtig teuersten Profiliga der Welt. Eigentlich sind wir keine großen Fußballfans, aber jetzt ist alles anders. Und da macht es auch nichts aus, dass unsere Helden gestern gegen Frankreich verloren haben…“

Nicht weit entfernt packt ein älteres französisches, per PKW reisendes Paar, nach umständlichem Zeltaufbau  umständlich Kochkisten und Geschirr auf den platzeigenen Tisch mit Sitzbank sortierend, um alles für das Kochen in der Küche vorzubereiten. Ich erkenne es wieder: Gestern blockierten sie in Höfn mit gleichem Procedere zwei Tische der Außenküche. Gut, dass ich meinen Kocher dabeihatte und nicht auf die zwei campingeigenen Kochplatten angewiesen war…

Nach einer sehr langen, sehr angenehmen, sehr heißen Dusche falle ich recht früh auf meine Schlafmatte und bin nach wenigen Augenblicken „weg“. Tau fällt auch, merke ich noch beim Verschwinden ins Zelt.

Und es ist windstill.  

Normalerweise wäre ich jetzt deswegen als „WAZ-Nachtfalke“ unterwegs.

Heute nicht… 

FÜR STATISTIKER (aus Wikipedia):                                                                                  „Landgemeinde Djúpivogur: Einwohnerzahl, Fläche: 470, 1133 Quadratkilometer.          Djúpivogur ist ein Ort mit 372 Einwohnern an der Südseite des Beruffjör∂ur….                      …Das Dorf mit seinen bunten Häusern, darunter dem alten rotfarbenen Handelshaus Langabú∂, gilt als eines der schönsten Islands.

Djúpivogur ist mit der deutschen Geschichte verwoben, waren doch die Hanse-Kaufleute die ersten, die hier im Jahre 1589 das Handelsrecht erhielten…“

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Blick auf die letzten Gletscherzungen des mächtigen Vatnajöküll unweit von Höfn als ich mich beim sanften Anstieg auf eine längere Kletterpartie vorbereite, noch ohne zu wissen,

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dass mir bald ein langer, neuer, beleuchteter Tunnel die früher nötige Weiterfahrt über Serpentinen erspart…

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Das Wetter wird schlagartig besser, freundlicher. Die niedrige Bergkette reicht aus als Wetterscheide (Bild mit Tunnelausgang und bewölktem Himmel darüber (weiter oben) und von gleicher Stelle in Gegenrichtung blauer Himmel, leichter Rückenwind, wärmende Sonne. Langsam begreife ich, dass in Island zwei in Luftlinie nur 50 km voneinander entfernte Fjorde für eine Woche zwei völlig unterschiedliche Wettervorhersagen haben können. Das werde ich mir bald zunutze machen können bei einer 182 km Flucht aus einem Unwettergebiet…

Hier aber: Zeit zum Frühstück und zum Zelttrocknen…

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Gleich kommen noch 30 km Gegenwind bis Djúpivogur. Vorher habe ich nach dem sehr welligen Kurs mit Rückenwind noch einen anderen“Gegner“: Ein Stein macht es mir nach einem Zwischenstop beim Fotografieren von „Traumlandschaften“ unmöglich, den linken Klickschuh zu gebrauchen. Mein Finnmesser, 1980 in Tampere gekauft, bewährt sich wieder einmal: Diesmal nicht als zuverlässiger Dosenöffner, der Stein ist aber ganz schnell ausgehebelt…,

…Ach ja: Früher gebrauchte ich zum Einschlagen der Zeltheringe einen Gummihammer: Klickschuhe übernehmen diesen Dienst bei Radtouren tadellos (Immer einschlagen, niemals eindrücken, da sich Heringe von schlechter Qualität schnell verbiegen…  IMG_1912

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Angekommen in einem der schönsten Dörfer Islands…

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