Montag, 4. Juli: Von den Gipfeln, Gletschern, Eisbergseen, Weißwangengänsen, „Amphibien-Touristen“, der „Eisbraut“ und an den Südzungen des Vatnajökull vorbei bis nach Höfn/ etwa 120 km

 

Islandkarte 8-9

Versuchter, zunächst wegen mangelnder Verbindung misslungener Gruß an die Kollegen der Rudolf Steiner Schule Bochum (ich bin zwei Wochen vor Beginn der Sommerferien gestartet): Liebe Kollegen,                                                                                                                              ganz liebe Grüße nach bald 800 km aus Ostisland. Da ich meistens in Funklöchern verweile, es hier fast nirgends WLAN frei zugänglich gibt, ich an den letzten 9 Tagen nur zweimal Campingplätze aufsuchte, ansonsten ganz einsam an traumhaften Plätzen das Zelt aufschlug, werde ich wohl in den nächsten Tagen eine Anzahl „Traumlandschaften“ ins Blog stellen, um  Reiseberichte mit Bildern nach der Rückkehr einzupflegen. Die Winde sind hier unberechenbar, sodass ich manchmal auch am Tage radle oder wie heute, wenn nach 300 km eine Ortschaft mit Supermarkt und Bank winken und ich mich für die nächsten 5 Tage verproviantieren kann…

Kurz vor 5 Uhr aufgewacht.

Mein/unser familiäres Grundprinzip seit 40 Jahren: Verlässt Du den Platz an dem du lagertest, so darf man an der Stelle keine bleibenden Spuren deines Besuches finden. 

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5.34 Uhr: Blick auf zwei Gletscherzungen. Alles verpackt, nur das Zelt lüftet noch durch.
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5.35 Uhr: Blick zur Ringstraße hin.
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5.49 Uhr: Startklar: Zelt(rot) und „Sessel“(grün) oben auf dem Gepäckträger befestigt,  drei Steine zurück an die alte Lagerstelle gebracht, „innere“ Sammlung, Dank an die Übernachtungsstelle ausgesprochen (der in Sichtweite befindliche, einzige Bauernhof war etwa 1 km entfernt)…,  und weiter geht´s… 

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Der/Mein Reiseweg führt des Öfteren an besonderen Sehenswürdigkeiten wie Gletscherseen mit Eisbergen vorbei, nur die Größeren davon werden auch von den Touristenbussen angesteuert. Unter Umständen sind sie über kurz (Bild oben etwa 1500 m) oder lang (Stóri-karl 37 km, Látrabjarg 88 km, zwei besondere Vogelfelsen, die ich später ansteuern werde) und vielleicht nur auf unwegsamen, unbefestigten „Zubringerpfaden“ zu erreichen.Das Bild oben zeigt das Fragment eines ausgezeichneten Zubringerpfades…IMG_1673

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Ein Seelenverwandter schläft noch hinter einer Bodenwelle – das Zelt mit Steinen gegen Wegfliegen geschützt – während ich nur einen kurzen Abstecher mache zu „seinen“ ´Icebergs,` auf der anderen Seite der Bodenwelle gelegen…

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„Morgens um 7 ist die Welt noch in Ordnung…“(Lied-/Filmtitel aus den 1970-er Jahren):                   Auch wenn ich zufällig, weil von der Ringstraße nicht einsehbar, diese 500 m entfernte „Zeltstelle – ganz ohne Weg dahin – gefunden habe: hätte ich gestern gewusst, dass es sie nur eineinhalb Radlerstunden von meinem Übernachtungsplatz entfernt gibt, ich hätte auf jeden Fall weitergekurbelt.                  Gewürdigt habe ich den kurz nach 7 Uhr gefundenen Platz dennoch mit einem ausgiebigem Frühstück und ruhigem, zweieinhalbstündigen Verweilen. Zu hören war nur das leise Plätschern der Wellen am Seeufer und vereinzelte Rufe der Weißwangengänse an deren See…

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Grönländische Weißwangengänse auf „ihrem“ See. Die kleine Kolonie fand ihr sommerliches Zuhause an dem kleinen See in der Senke vor dem „Eisbergsee“. Als ich zurückging, waren die Vögel viel weniger scheu als vor Stunden und ließen sich fotografieren. Meine zusätzliche Beute: ein kleines Tütchen Federn und Daunen ganz besonderer Qualität, gesammelt als Anschauungsobjekt am „Gänsestrand“.

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NUR EINE WEITERE RADLERSTUNDE ENTFERNT am späten Vormittag: Ein Dutzend Busse, ein Vielfaches an PKW, Geländewagen und Campingbussen, Hunderte Touristen aus allen Kontinenten. Postkarten, Souvenirs, 05l Mineralwasser für mehr als 3€, Gratis-WLAN (unendlich langsam), Amphibienfahrzeuge, um mit Spezialkleidung ausgerüstete Touristen direkt an die Gletscherabbruchkante und zurück zu befördern.                                                                  Selfies, Selfies, Selfies…I WAS HERE!!!, leider nur seeehr langsam per Internet nach Japan und andere, wärmere Plätze der Welt zu verschicken…                                                                        Ich gab mir große Mühe, möglichst viele Menschen „außerhalb der Fotos zu platzieren“. Abends, oder morgens um 7 Uhr wäre das sicherlich mit allen gelungen…

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Wo wird den bloß die Hochzeit der „Eisbraut“ gefeiert? Die nächsten Orte  (Kirkjubæjarklaustur, Höfn (gespr. Höppn!)) liegen jeweils etwa 100 km westlich und östlich dieses Ufers…

Auszug aus dem Originaltext meiner Reisenotizen:                                                                            Ein spanischer Radler(Albert) macht mich auf WLAN aufmerksam. Stimmt, grottenlangsam. Bedienung des Souvenir-Shops spricht kein isländisch. 2x 0.5 l Wasser plus 0,5 l Cola 10€. Brautfoto, weiß im Eis…

…Weiterfahrt m. Rückenwind. Spanier begegnet mir n. Pause. Bin etwas schneller. Will heute eigentlich noch bis etwa 50 km hinter Höfn fahren, mich aber dort mit Geld/Proviant versorgen. Nächste Pause holt er mich wieder ein. Gemeinsam halten wir an einem Parkplatz mit Bank ( selten, alle 30 km, nie mit Toilette oder Mülleimer.)

 Essen b. Kälte.

Fahre weiter. Tankstelle m. Souvenir-Shop und Kafeteria 3km vor Höfn. Albert kommt. Magenprobleme. Ich auch: Magenprobleme.

Höfn, gesprochen Höpp’n.

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Schöner Rückenwind…, bis kurz vor der Gletscherzunge…

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Ich war irritiert von den Verkehrsschildern, die hier im Osten Islands auf Rentiere hinwiesen, wusste ich doch bislang nicht, dass es sie auf der Insel gibt.

Das auf dem Bild schwer auszumachende Tier gab den Straßenschildern recht. Meine Frau „klärte mich per Nachricht auf“…, Zu den Rentieren auf Island: Im 18. Jahrhundert wurden in Island 13 Rentiere aus Skandinavien eingeführt. Sie sollten sich vermehren und für eine ausreichende Population auf der Nordatlantikinsel sorgen, um dem Menschen die Fleischversorgung zu erleichtern. Es dauerte jedoch einige Jahrzehnte, bis der Bestand groß genug war. Im Jahr 1849 wurden die ersten Tiere in Island durch ein Jagdgesetz zum Abschuss freigegeben. In Ostisland gibt es heute etwa 3.000 Rentiere. Im Winter kommen die Tiere manchmal bis hinunter in die Täler der Ostfjorde…,

…in einigen Tagen werde ich mehr Fotoglück haben und trotz der falschen Jahreszeit mehr als 0,5% des isländischen Bestandes  auf einmal antreffen. 

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Infotafel auf dem Campingplatz in Höfn.

IMG_1874Patrick aus Dresden im vollen, mehrsprachlichen Einsatz an der Rezeption des Campingplatzes in Höfn.

Später am Abend haben wir Zeit, miteinander länger zu sprechen:                                       Auszug aus dem Originaltext der Reisenotizen:  Patrick aus Dresden hat die Liebe vor 2 Jahren hierher verschlagen. Er arbeitete damals in Finnland und lernte dort eine Isländerin kennen. „Isländisch zu lernen, hier im Dorf*  ist äußerst schwierig“, sagt er , „ich war in einem Kurs, aber da waren plötzlich 18 Polen, und die haben miteinander und mit der Lehrerin polnisch gesprochen, da hatte ich keine Chance“… Sodass er selbst in der Not ist, richtig mit Isländisch klarzukommen. Er bewundert meine Reiseart „“talar, talar ehki gjöra“ sagen die Isländer von anderen: „reden,reden und nichts tun“, sie machen lieber etwas, statt zu reden und du machst das ja auch“, sagt er anerkennend… Er kennt als Dresdener auch Eisschnelllauf und kriegt Gänsehaut allein beim Zuhören. Sein Vater fast in meinem Alter ist auch extrem sportlich. Da ich früh starten will, macht er mir einen Sonderpreis. Auch später als ich auf meine Magenprobleme hinweise, und darauf, deswegen evtl. später zu starten, ist das für ihn ok…

*Wikipedia: Höfn ist der Hauptort der Gemeinde Hornafjör∂ur im Südosten Islands. Am 1 Januar 2014 hatte der Ort 1698 Einwohner. Fläche: 6317 Quadratkilometer.

*Dresden 543.825 Einwohner. Fläche:328 Quadratkilometer                                            Angesichts der Bevölkerungszahl wird verständlich, wieso Patrick den Ort „Dorf“ nennt, angesichts der Fläche (fast 20 Mal größer als Dresden) wird deutlich, wie menschenleer der Osten Islands ist (0,3 Einwohner/Quadratkilometer in der Gemeinde Höfn). Ich beabsichtige aber noch, wesentlich menschenleerere Gegenden Islands zu besuchen…                       

Als ich mich an der Rezeption anmelden will sind einige Rucksacktouristen aus verschiedenen Ländern vor mir an der Reihe. Patrick weist jeden darauf hin, dass das freie Campen in Island strengstens verboten ist und mit Strafen von bis zu 45.000 Kronen(etwa 350 €) geahndet werden kann. Will man es tun, so muss man vorher den Grundstücksbesitzer um Erlaubnis gefragt haben…                                                                                                                                      Abends thematisiere ich die Problematik mit dem Zelten in freier Natur angesichts der Tatsache, dass Campingplätze mit gewohntem europäischen Mindeststandard wie der in Höfn  in Island VORSICHTIG AUSGEDRÜCKT – zumindest in den Gegenden, durch die ich gekommen bin – äußerst selten sind, dass ich selbst seit meiner Ankunft in Island erst zweimal einen Campingplatz aufgesucht habe (bei Keflavik und auf den Westmännerinseln), dass der Grundstücksbesitzer in der Outdoorpraxis eventuell 50 Kilometer entfernt zu befragen wäre, dass ich aber mindestens seit dem Erwachsensein strengstens darauf achte, auch nicht das kleinste Stückchen Müll  in der Natur zu hinterlassen und hinsichtlich der hygienischen Verhältnisse mein Schüppchen immer leicht erreichbar dabeihabe. Außerdem befestige ich bei meinen letzten Reisen „nachts“ immer gut sichtbar mein Reise-Sheet  (wie es im Blog auch unter „Partner“ zu finden ist) außerhalb des Zeltes, meistens am Rad (Gepäckträger), sodass sich jeder auf Englisch informieren kann, ohne mit mir in direkten Kontakt treten zu müssen.     Patrick sagt mir, dass man in Island in den letzten Jahren sehr schlechte Erfahrungen mit der stark gestiegenen Zahl von Low-Budget-Touristen gemacht hätte und sich deswegen zu diesem drastischen Schritt der Strafandrohung entschloss.  Und so weist er auch jeden der infragekommenden Besucher darauf hin.                                                                                   Dass meine Art zu reisen bei einer eventuellen Befragung auf Verständnis stieße, davon war er aber überzeugt.

Anmerkung zu meinem spanischen Begleiter, den ich erstmalig vor dem schwierigen  Anstieg kurz vor Vik gesehen habe, der mich von der Ringstraße aus zelten sah und der mich beim Zusammentreffen auf dem Parkplatz mit Amphibienfahrzeugen auf das (schwache) WLAN aufmerksam machte:                                                                                                              Albert (42) und ich sitzen zusammen abends beim Essen. Bei ihm gibt´s „gebackene Bohnen aus der Dose, bei mir Spaghetti mit besonderer Soße“. Er ist schon einige Tage länger in Island als ich und verlässt die Insel paar Tage früher. Eigentlich plante er eine Ähnliche Rundtour wie ich, die Zeit wird ihm aber knapp, und weil er unbedingt die „zahmen“ Papageitaucher auf dem Vogelfelsen Láutrabjarg sehen will, macht er sich Sorgen und sucht auf seiner Karte nach Abkürzungsmöglichkeiten. Vielleicht muss er hier aber auch noch einen Tag pausieren. Wir verabschieden uns mit besten Wünschen für unsere Reisepläne und unsere Gesundheit… 

Achtung, das Folgende könnte als Werbung missverstanden werden und darf unbeachtet bleiben.                                                                                                                                        Wer dennoch weiterliest, findet vielleicht eine wichtige, sehr preiswerte Entscheidungshilfe für eigene Zelttouren:                                                                                                                               Nachtrag: Es hat mich nach Abschluss meiner Island-Tour sehr gefreut festzustellen, dass einer meiner Partner*  seit langem Partner von „Leave No Trace/Center for OutdoorEthics“ (in den 1960er Jahren in den USA gegründet) ist. So die aktuelle Mitteilung im Katalog 2016.                                                                                                                            Die Philosophie von Leave No Trace ist einfach: „Verlasse einen Ort, an dem du warst, immer in genauso guten oder gar besseren Zustand, als du ihn vorgefunden hast“ (www.LNT.org) 

*(Hilleberg The Tentmaker, Erfinder des gekoppelten Innen-Außenzeltes.Das extrem leichte Material der Zeltmacher ist durch Spezialbeschichtung um ein Mehrfaches stärker als das Gewebe gewöhnlicher Zelte ).                                                                                                      *Wir kauften das erste Hillebergzelt 1987 (3 Personentunnelzelt, 2,8 kg, herausnehmbares Innenzelt bereits eingehängt/sehr teuer aber auch sehr preiswert(s.u)). Hätte ich die damals erschienenen Trekkingzelt-Testergebnisse der Stiftung Warentest gelesen, welche mit dem Handling des neuartigen Zeltes völlig überfordert war, so wäre es nie zu dem Kauf gekommen (HillebergStalon: Mangelhaft, Testsieger/(der Hersteller sponserte die vierwöchige Himalaya-Expedition): Gut (Das Zelt war 7 kg schwer und das Innenzelt wurde beim Aufbau im Regen nass, weil es vor dem Außenzelt aufgebaut werden musste).                                                      Ich schrieb, als mir der Test in die Hände fiel, einen sehr kritischen Brief an „Stiftung Warentest“ und schickte eine Kopie nach Schweden. Hilleberg bedankte sich. Vor meiner Radtour 2006 (Buch „18 Nächte zur Mitternachtssonne“) stellte sich die Firma als Partner zur Verfügung und blieb Partner meiner „besonderen Touren“. Auch 2016.                             Teuer/preiswert: Meine Kollegin benötigte im Juni 2016(!) für die einwöchige Radtour mit ihrer 5. Klasse ein zuverlässiges, etwas größeres Zelt. Ich selbst konnte die Fahrt angesichts der Vorbereitungen auf meine Islandrundreise  leider nicht begleiten. Aber das Stalon von 1987. Ich war überhaupt nicht überrascht, das die Lehrerin und die Kinder begeistert waren von dem fast dreißigjährigen Zelt…  „An Hillebergzelten werden noch Ihre Enkel Freude haben“, stand im Katalog meines Bochumer Ausrüsters von 1987, den es längst nicht mehr gibt. Stimmt! Die Urenkel wohl auch noch…