Freitag, 1. Juli: Zur Übernachtung am „Schwarzen Meer“, der südlichsten Gegend Islands/etwas über 100 km

 

 

 

– Islandkarte 6-7

Ausgeschlafen, gefrühstückt, geschrieben, etwas gepackt; eine kleine Einkaufsspazierfahrt durch den großen Ort.

Etwas Faulenzen noch in der Sonne im genialen „Reisesessel“ vor dem Zelt.

Danach per Rad zum Hafen, um ein Ticket für die Rückfahrt am Nachmittag zu ergattern.

Durch ein Missverständnis bekomme ich die Karte für die 11 Uhr Überfahrt!

Es ist bereits 10.20 Uhr!!!

Stornieren?

Ach wo, riskieren!!!

Schnell die 2 Km zum Campingplatz: Zusammenpacken, Aufladen, Losradeln!

Die Fähre auf die „Mutterinsel“ fährt schon früher los, um 10.53 Uhr!

Ich bin mit dabei…

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Ich döse etwas am Sonnendeck, das Schiff schaukelt gemütlich auf den Wellen. Das freundliche Wetter schlägt um, Bewölkung zieht auf. Die stramme Brise, welche soeben noch das Schiff kräftig anschob, wechselt die Richtung und bläst mir so stark entgegen, dass ich für die 10 km bis zur Ringstraße, auf der ich mir wegen des Richtungswechsels Rückenwind erhoffe, über 90 Minuten benötige. Zwischendurch beginnt es sogar (kurz) zu regnen. Alle Reisetaschen dicht? Klar. Dauert halt länger.                                                                                                               „Gut, dass ich die frühe Fähre gebucht habe“, fährt mir durch den Kopf. „Dauert halt länger. Ich habe Zeit…“

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In der Ferne auf der Ringstraße zwei Radfahrer mit Gepäck. Sie fahren schnell, in meine baldige Richtung, nach Osten.                                                                                                       Rückenwind.                                                                                                                                    Der Blick auf den Gljúfurárfoss abseits der Straße lässt sie anhalten. Es sind zwei Kanadier aus Vancouver, etwas jünger als ich. Eine schöne Begegnung. Wir vergleichen Ausrüstung, besprechen Pläne. Ich erwähne, dass ich bereits zweimal das Glück hatte, bei den Eisschnelllauf-Masters-WM im Olympic Oval in Calgary dabeisein zu dürfen. Das begeistert sie. Fünf Wochen haben die Amerikaner Zeit, bis zu 100 km am Tag schaffen sie, „wenn der Wind es will“, die Zeit dürfte aber ausreichen…                                                                                                                            Ich bin schneller in der Nähe des stark besuchten Wasserfalls, der viel höher ist als von mir zunächst eingeschätzt. Ich mache vor den Parkplätzen Fotos, meine „Brothers Of The Wind“ hingegen (Titel einer Skulptur von Robert Tait McKenzie im Olympic Oval in Calgary) zieht es zum Restaurant, um sich an Hotdogs oder Hamburgern zu laben.

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Da ich an den Wasserfall heranradle, werde ich von den motorisierten Besuchern, die jetzt zu Fuß unterwegs sind, freundlich und begeistert begrüßt und durchgelassen.  IMG_1229 IMG_1233

Am Abstellplatz meines Rades bildet sich sofort eine Traube Interessierter – viele ältere Deutsche (noch älter als ich, Busreisende) fragen nach Reiseverlauf, Etappenlänge und Geschwindigkeit, beneiden mich um den Besuch der Westmännerinseln, entfernen sich mitunter bald, um ihre Gruppenreise fortzusetzen.

Der Gljúfurárfoss ist aus der Nähe sehr beeindruckend, man kann ihn unter dem Felsvorsprung  auch passieren/umrunden. Würde ich gern tun. Ich habe es aber nach dem anstrengendem Gegenwind etwas eilig, will doch den Rückenwind ausnutzen…

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Nach wenigen Kilometern drehte der Wind und begrüßte mich von vorn. Ein Phänomen, dem ich inzwischen recht gelassen begegne.

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Direkt in der Nähe des 2010 ganz plötzlich ausgebrochenen Eyafjallajökull (Äijafjatlajökutl) gibt es (ganz selten in Island) Möglichkeiten sich „erschöpfend genau“ über das Naturereignis zu informieren. Es beeindruckt mich sehr, wie Menschen die Asche aus ihren Feldern wieder abgetragen haben, sodass man zunächst gar nicht ohne weiteres bemerkt, wie betroffen sie von der Naturkatastrophe waren. Als Tourist wundert man sich vielleicht über die zum teil fast pechschwarzen Flussbetten oder die in Flussnähe sich ausbreitenden schwarzen Brachen.

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IMG_1254 Dieser seit fast 100 Jahren im Familienbesitz befindliche Milchbauernhof war besonders betroffen, nach 6 Jahren ist „das Gras drüber gewachsen“…
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Der nächste Wasserfall mit viel Publikumszuspruch. Der im Reisesessel sitzende, Tee trinkende Fernradler zieht magisch „die Massen“ an.

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Ich blieb „auf Abstand“ vom Wasserfall, Viele Menschen machten aber gern einen kleinen Umweg, um mich ansprechen zu können.

Einen Reinhold aus Süddeutschland, der heute bis Vik und morgen bis ins 300 km entfernte Städtchen Höfn (Höpn) per Bus gefahren werden wird und zufällig meines Alters ist, habe ich auch getroffen. Wir haben herzlich gelacht…

 

 

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Überall in Island sehr schön anzusehen und ein Insektenmagnet: Die in Nordskandinavien „Tromsöpalme“ genannte Herkulesstaude/Bärenklau, der wohl bei Sonnenschein genauso gefährliche Hautverbrennungen verursachen kann wie unser heimischer Riesenbärenklau. Durch die leicht orange-grün gefärbten „Köpfe“ entstehen schöne Kontraste vor dem Wiesengrün .

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Straßenschilder mit Entfernungsangaben der nächsten auf der Strecke liegenden größeren Orte ziehen mich als Radler immer magisch an. Wahrscheinlich, weil ich mit meinem Gefährt imstande bin, auch ohne Benzin mit vollem Gepäck jeden Ort zu erreichen…,

…und zu jedem Namen könnte ich natürlich eine Reisegeschichte beisteuern.

Kostprobe?:

– An der Tankstelle am „Verkehrsknotenpünktchen“ Kirkjubæjarklaustur (so der volle Name des größten Ortes (130 Einwohner) einer fast 7000 Quadratkilometer großen Gemeinde südwestlich des Vatnajökull  mit einer Gesamtbevölkerung von 450 Einwohnern ) wird es mir morgen gelingen, Reserve-Gaskartuschen für meinen Multi-Fuel-Primuskocher zu bekommen, welcher auch Diesel, Petroleum und Benzin verträgt , ein letztes Lakritzeis der Reise zu essen, mich in der gleißenden Sonne beim Umpacken des Proviants zu sonnen und länger mit dem gleichaltrigen  „Reinhold vom Wasserfall“  zu sprechen, den ich bis zu diesem Punkt überholt haben werde und der am gleichen Tag noch, wie angekündigt in Höfn gelandet sein wird,

– in Skaftafell wird der Wind wieder, wie im gesamten Vatnajökullgebiet, nach Belieben seine Richtung ungünstig wechseln, jede sich der Straße nähernde Gletscherzunge, jede plötzlich kühlende Wolke wird zum Instrument des Windes,

– übermorgen werde ich an der Rezeption des Campingplatzes in Höfn Patrick kennenlernen, es wird dort für mich eine durch Unvorsichtigkeit verursachte, vier Tage währende Magen-Darm-Geschichte anfangen, ich werde einen passablen multiplen Dolmetscher für eine Rotel-Tour-Gemeinschaft (das rollende Hotel) abgeben, die auf beschäftigungstherapieähnliche Weise zuviel zubereitete Würstchen und Nudelsuppe verteilen soll unter den kaum Englisch und gar nicht Deutsch sprechenden  Japanern, Spaniern (Albert und andere), Deutschen, Italienern, Niederländern usw., welche meistens schon satt sind, deren Essen gerade gar wird oder die gerade erschienen, um den Beifang zu verwerten („was mache ich jetzt mit der Forelle, die ich geangelt habe?“),

– vor Egilsta∂ir hingegen (mit 2332 Einwohnern die größte Stadt im Osten Islands) werde ich in einigen Tagen Stunde um Stunde über die mir im Vorfeld recht häufig gestellte Frage : „Und welche Durchschnittsgeschwindigkeit erreichen Sie so im Mittel?“ schmunzeln müssen, da ich  für die etwa 55 km bei nicht enden wollendem Anstieg sowie „fast Gegensturm“ bei der langen Abfahrt fast 7 Stunden benötige…

Patrick und Albert werden später noch thematisiert, das Übrige ist hiermit fast abgeschlossen…                                      IMG_1290

Die Abfahrt nach Vik macht Freude, der über 10% steile und 1km lange Anstieg davor ist sehr anstrengend.                                                                                                                                 Der Supermarkt hat geöffnet, die Kundschaft besteht fast ausschließlich aus deutschen Touristen. Manche „motzen“ über die hohen Lebensmittelpreise.Drei sehr jugendlich wirkende Mitarbeiter/Praktikanten(?) üben sich mit einem an der Kasse sitzenden jungen Erwachsenen laut im Englischsprechen und haben es lustig miteinander. Ich bringe sie völlig durcheinander, weil sie nach meiner Ansprache auf Isländisch und mehreren Sprachenwechseln nicht erraten können, woher ich komme und was meine Muttersprache ist. Norwegisch? Schwedisch? Dänisch? Finnisch? Tschechisch? Polnisch? Spanisch? Russisch? Am Ende lüfte ich das Geheimnis, wir haben viel Spaß am Gespräch, besonders als ich die Erfolge Islands bei der Fußball-EM  Hervorhebe. Beide Seiten sind sehr höflich zueinander  und verabschieden sich freundlich auf Isländisch. Der kleine deutsche Stau an der Kasse, kann nun auch bezahlen.

100 m vor dem Campingplatz, den ich passieren will werde ich plötzlich freudig angesprochen:                             „Meine“ autoreisende Gruppe aus Ostdeutschland, die ich in Geysir kennenlernte, entschuldigt sich mit „wir sind auch erst hier angekommen“ und ist verwundert über den Abstecher zu den Papageitauchern auf den Westmännerinseln, der nicht verhindert hat, dass ich sie per Fahrrad dennoch einholte.  Sie übernachten auf dem Campingplatz in Vik. 

Ich will noch etwa 30 km weiterfahren.

Plötzlich meine ich ein Meeresrauschen, ein rhythmisches Schlagen der Wellen zu hören. Ein Blick auf die Karte: Tatsächlich (!), ich befinde mich an der ziemlich südlichsten Stelle Islands. Da werde ich doch nicht weiter kurbeln, da gehe ich doch gleich schwimmen!, fährt mir durch den Kopf. Ein kleiner Weg führt mich zum Strand. Ich folge ihm. Bald versinken die Reifen 10 cm tief im Grund im, ich muss mein Rad schieben, dann ziehen und schließlich stoppen. Ein flacher Stein ermöglicht es, das Gefährt abzustellen, um den Strand zu Fuß zu erreichen.                                                                             Die Vegetation wird immer spärlicher und der Boden: Schwarz!                                      Vulkanasche so weit man blickt, sogar schon zu großen Hügeln zum Abtransport zusammengeschoben.                                                                                                                   Das Meer: SCHWARZ!                                                                                                               Schwarze Wellen schlagen laut ans „schwarzsandige“ recht steil abfallende Ufer.               Baden? Nee!, eine Art Beklemmung macht sich in mir breit.                                                           Ich suche in der spärlichen Vegetation der dünenartig angesammelten schwarzen Aschenmenge nach einem geeigneten Zeltplatz. Nirgends! Kaum hebe ich die Pflanzen an dichteren Stellen an, grüßt von unten schwarzer „Sand“ und rieselt meistens um Zentimeter tiefer.

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Ein kleines Steinchen nehme ich als Andenken mit und bin froh, das bepackte Rad wieder auf den etwas festeren Weg bugsiert zu haben.  War anstrengend. Adieu, SCHWARZES MEER, schade…                                                                               IMG_1310 IMG_1311 IMG_1314 IMG_1312 IMG_1316

 

Plötzlich, nur einen Kilometer weiter:                                                                                            Ein fernes Gehöft auf der vom Meer abgewandten Straßenseite,                                                ein weiterer Pfad zum Meer,                                                                                                          ein kleiner Fluss folgt ihm parallel.                                                                                        Dichtere Vegetation.                                                                                                                       Nach etwa 500 m finde ich nur 2 m vom Wegesrand entfernt tatsächlich eine Stelle, an der ich das Zelt platzieren, mit Gummiseilen und Leinen an drei Stellen des verankerten Rades und in Lupinenwurzeln fixieren kann.                                                                                       Phantastisch!!!

…Kurze Zeit später ist das Gepäck verstaut, eine kleine Mahlzeit aus der frischen Verproviantierung eingenommen. Mein Schnarchen übertönt die nahen Wellen des SCHWARZEN MEERES wohl nicht. Ich habe es nicht gehört, bin sofort eingeschlafen…

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