Montag, 27. Juni: Waldorfskolinn Lækjarbotnum-Stori Nupur/ 93 km

Islandkarte2-3

Ich wache früh auf, schaue mir das Schulgelände samt Schulgarten mit kleinem Treibhaus an, bestaune die „Turnhalle unter freiem Himmel“. Die Sonne lugt zwischen den Wolken hervor und es wird sofort wärmer. Drei Frauen und ein Kind kommen mit Topfpflanzen beladen aus einem Haus heraus und wir begrüßen einander. Es sind zwei Lehrerinnen und eine Schulmutter. Sie kennen natürlich Angelika und freuen sich, als ich in einfachen Sätzen von der Bochumer Schule spreche, deren Größe sie umhaut, davon, dass ich dort 16 Jahre lang Klassenlehrer und auch Lehrer von Tobias war und genau seit 30 Jahren auch Russisch und Sport unterrichte (Die Begriffe „kennari“ (assoziativ:Kenner/Könner)-Lehrer und „nemandi“(assoziativ: Nehmender)-Schüler sind mir inzwischen so vertraut, dass ich sie mir überhaupt nicht mehr als „Vokabel“ eindröhnen muss…, praktisch!).

Dass ich seit Samstag erstmalig in Island und mit dem Rad unterwegs bin, um die Insel mindestens zu umrunden, beeindruckt sie sehr.                                                                  Sólveig, Klassen- und Gartenbaulehrerin und so für den biologisch-dynamischen Schulgarten zuständig geht mit mir, Söhnchen(?) Emil und der Schulmutter hinunter zum Garten, der mir stolz präsentiert wird. Die ersten Erdbeeren sind reif im Treibhaus und der dort befindliche Weinstock hat schon größere Trauben gebildet, als die in meinem Bochumer Garten im Freiland wachsenden Reben. Kräuter, Salat, Gemüse, „Experimente“: Betätigungsmöglichkeiten für Schüler im Einklang mit der klimatisch vorgegebenen, herben Natur. Größtes Problem ist der allgegenwärtige Wind. Es ist nicht einfach, Mutterboden auf dem Lavagestein vor Erosion zu bewahren.  Der Garten ist versorgt, wir gehen auseinander. Ich versorge mich mit Wasser, frühstücke, lese, schreibe etwas, und höre im Hintergrund den produktiven Lärm künstlerisch aktiver Zirkusartisten.

Kurz nach 13 Uhr gehe ich zu Angelika, um mich zu verabschieden, und besuche auch noch das Haus mit kleinem Turnraum, wo ich gestern Ivar kennenlernte und jetzt eine Weile interessiert die Akrobaten bewundere. Anschließend bekomme ich sogar ein paar Worte der Freude über das Gesehene zusammen.                                                                                                          Gern stellt die Gruppe ihr Können für ein Foto zur Verfügung.   Ivar wünscht mir noch eine gute Fahrt, lädt mich ein, zu Ende der Tour nochmals vorbeizuschauen und sagt , dass seine Mutter, die aus Holland stammt, in Akureyri wohnt, wo ich voraussichtlich vorbeikommen werde. Ivar spricht somit auch Holländisch.                                                                                              Gut, dass ich das nicht vorher gewusst hatte, sicherlich hätte ich dann nicht soviel auf Isländisch auszudrücken versucht. Auf dem Weg zur Straße treffe ich in der Schmiede an lohender Esse Einar Gunnar bei Schmiedearbeiten. Er ist eher „privat“ hier, hat aber früher sehr viel als Sonderpädagoge gearbeitet. Schön, diese Schule kennengelernt zu haben…

IMG_0338IMG_0360IMG_0350IMG_0355IMG_0370IMG_0371IMG_0409IMG_0368IMG_0372

IMG_0425

IMG_0400

IMG_0429

IMG_0457

Blicke ich die Ringstraße nach Westen, so sehe ich in der Ferne Reykjavik, aus dem die Eltern mit Geländewagen oder der Schulbus täglich die Kinder zur Schule bringen.

Ich radle aber in die andere Richtung. Die Ringstraße steigt, ohne das ich es zunächst merke, beständig leicht an, der Gegenwind erschwert das Vorankommen. ich befinde mich in einer Gegend, wo regelmäßig etwas gebändigt  oder ungebändigt aus der Erde herausdampft. Viele Kilometer lang sehe  ich vor mit die Rauchsäule eines Wärmekraftwerks, und schließlich auch die dazugehörigen Fernwärmeleitungen. Zwischendurch bleibe ich an Litla Kaffistofan, einem kleinen aber schon Jahrzehnte alten „Wegkrug“ stehen, wo ich mit Genuss eine leckere Champignonsuppe genieße und einen Tee, zu dem ich sogar leckere, gerollte isländische Fladen von der freundlichen Wirtin geschenkt bekomme. Einige Hundert Meter Anstieg bis kurz vor Hverager∂i, ein herrlicher Blick auf das kleine Städtchen und das Meer fern im Süden erzwingen eine kleine Erfrischungspause, bevor es in Schussfahrt mit 60 kmh die Straße hinabgeht. Leider ist es schon 19.15 Uhr, sodass die Geschäfte in Hverager∂i geschlossen haben. Vielleicht auch absichtlich früher, weil ja gerade Island und England gegeneinander bei der Fußball-EM antreten und die Straßen ohnehin leergefegt sind. Ich habe günstigen Wind und rolle schnell auf Selfoss zu, mit 6512 Einwohnern die größte Stadt im Süden Islands, begleitet von typisch isländischer Landschaft  und in der Hoffnung , dass dort die Supermärkte vielleicht doch noch nicht geschlossen sind. Plakate bestätigen mir das, „Netto“ hat bis 21 Uhr  auf , andere Geschäfte sogar noch länger.

Als ich um 20.35 Uhr den Discounter betrete die Überraschung: Es ist geöffnet…, nein: ich bin neben nur einem weiteren Ausländer einziger Kunde…, nein !!!:                                                 ISLAND FÜHRT BEI DER EUROPAMEISTERSCHAFT GEGEN DAS GROSSE ENGLAND MIT 2 : 1 und es sind nur noch wenige Minuten zu spielen!!! Die Mitarbeiter des Supermarktes, meistens junge Mädchen, mühen sich, Packungen mit frischen Kartoffelchips oder Keksen in die Regale einzuräumen – vergeblich, es gelingt nicht. Ständig ist ihnen ein internettaugliches Mobiltelefon im Wege, das just an der Stelle mit Bildschirm platziert ist, wo eigentlich die Chips oder Kekse hinsollten und es hat die Spielübertragung live geschaltet.                                                            Etwa um 20.45 Uhr ist das Spiel beendet mit Island, dem Land von nur 50 Fußballprofis  als dem Sieger und es bricht ein unbeschreiblicher Jubel im leeren Supermarkt aus. Serien von Luftsprüngen, Serien von „Jeder-umarmt jeden“-Begegnungen folgen und Freudentränen in Mengen werden vergossen. Ich freue mich mit. Dezent. Wie laut doch die Wikinger sein können!!!

Weiter gehts, Stori Nupur mit dem Grab von Tobias Jaschke ist weiter entfernt als mir vorhergesagt wurde, die Etappe dauert an bis weit nach Mitternacht. Der Gegenwind singt beständig sein Lied…

 

IMG_0466IMG_0476IMG_0463 IMG_0467IMG_0505IMG_0499IMG_050223.00 Uhr