Dienstag, 28. Juni: Stori Nupur – Gullfoss/Geysir/ 77 km



Islandkarte3-4

Die Sonne geht irgendwann gegen 1 Uhr Sommerzeit unter, es ist aber taghell, Wolken- und Farbenspiele am Himmel. Die asphaltierte Straße ist meistens nass, ich befahre sie nach dem Regenschauer, es ist sehr kühl. Der Wind trocknet schnell die Fahrbahn und lässt etwas nach. Als ich von der Straße 30 auf die 32 nach Osten abbiege, ist es nahezu windstill, ich habe es nicht mehr weit bis Stori Nupur. Kurz vor 1.30 Uhr – das beleuchtete Kirchlein ist von der Straße 32 aus zu sehen – biege ich nach links ab und fahre einen Kilometer weit einen Schotterweg, also die „Straße“ Nr. 326 entlang, beobachtet von einer Gruppe neugieriger Islandpferde. 400 m vor dem Friedhof  biege ich zum Feldweg in das Örtchen mit Kirche ab und muss eine recht steile Steigung überwinden. Angekommen! Eine kleine Treppe und Angelikas Beschreibung führen mich schnell zum Grab von Tobias, Manfred und Georg Jaschke, die am 10. August 1998 an einem Berg ganz in der Nähe abstürzten und hier beerdigt wurden. sie starben jeweils knapp vor ihrem 20., 12. und 46. Geburtstag. Ich kannte nur Tobias, fühle mich den Dreien jetzt aber sehr nahe und bin sehr froh, den (Um)Weg hierher genommen zu haben. Das Kirchlein steht offen, Gelegenheit zur Einkehr. 

Ursprünglich, als ich noch nicht wusste, dass der Weg hierher so lang ist, hatte ich vor, gleich weiter Richtung Gullfoss zu fahren. Jetzt beschließe ich, unterhalb des Friedhofes mein Zelt aufzuschlagen und kurz zu schlafen.

Um 2.30 Uhr ist das Zelt in wenigen Augenblicken aufgebaut, das „Bett“ bereitet, das komplette Gepäck nach wenigen Minuten im Außenzelt verstaut, das Rad unverschlossen hingelegt und als Information für eventuelle Besucher mit dem Reise-Sheet versehen. Der Wecker noch auf 5.30 Uhr gestellt und ich falle bei Windstille (!) sofort in einen traumlosen Schlaf, aus dem ich wenige Sekunden bevor mich das iPhone geweckt hätte ausgeruht aufwache.                                                                                                                         Ein kurzer Besuch des Grabes sowie des Kirchleins und ich sause um 6.00 Uhr den Feldweg hinunter, zurück auf die 32, um dann auf der 30 meinen Weg Richtung Gullfoss fortzusetzen. Der Himmel klart auf, der aufgefrischte Wind schiebt mich kräftig nach Westen. Da er mir aber auf der Straße Nr. 30 bald wieder stark entgegenblasen wird,  bleibe ich kurze Zeit später an einer wunderschönen Stelle am nahen Fluss stehen, um Getreidekaffe zu kochen und ordentlich zu frühstücken. Eine knappe Stunde vergeht. Meine Gedanken kreisen noch immer um Tobias und das Unglück vor 19 Jahren…

Der Wind bleibt konstant und da ich zuerst zum Gullfoss und anschließend zum 10 km entfernten Geysir will  (Nur noch selten und weniger heftig aktiv als in der Vergangenheit, dennoch aber, auch weil er schon seit vielen Jahrhunderten bekannt ist, gilt DER GROSSE GEYSIR weltweit als Namensgeber aller fontänenausstoßenden Geysire), nehme ich die Straße Nummer 30. Ein großer Fehler vielleicht, wie ich schon morgen erfahren werde, weil die 31und die 35 in Richtung Geysir vom Profil her viel flacher sind und ich zudem viel länger günstigen Rückenwind gehabt hätte. Allerdings hätte ich dann auch keine Möglichkeit gehabt, mein Proviant aufzufrischen und die „Zeitung zum historischen Fußballspiel“ von gestern zu holen. Das tat ich in Flú∂ir, 30 km vor Gullfoss, dem berühmtesten Wasserfall Islands (weder in Gulfoss noch in Geysir gibt es einen Supermarkt!).

Nach dem Supermarktbesuch verzieht sich der Himmel, es bleibt kalt und das Bergprofil für den „Radler mit Gegenwind“ ist recht anstrengend. Ärgern hilft nicht, das werde ich schon überstehen. Und so mache ich eine längere Pause, esse etwas vor dem aufkommenden kurzen Regen und genieße schöne Ausblicke, jeweils wenn ich oben am Hügel angekommen bin.  Dann nur noch eine etwa 5 km lange Schotterstrecke, anschließend 6 km Asphalt und eine beeindruckende Großkulisse breitet sich vor mir aus, DER GULLFOSS!!!.

Radler sind dort selten. Mein „Kamerad“ wird sofort umstellt und begutachtet von Japanern, Deutschen, Franzosen, Italienern, Amerikanern, Norwegern, Polen, Tschechen – ich höre auch Finnisch – um „Außergewöhnliches jenseits der eigentlichen Touristenattraktion“ zu knipsen… Isländer sind hier äußerst selten, merke ich. Die meisten sind wohl in Frankreich oder kurieren die Nachklänge der Siegesfeier nach dem gestrigen Fußballspiel aus….

Ich stehle mich für eine Stunde fort und genieße mit den Touristenmassen – aber ganz für mich – den besonderen Ort.

Die 10 km zum alle paar Minuten aktiven Strokkur und demm „eingenickten“ Geysir gehen mit starken Rückenwind fast im Fluge vorbei.

Die zweite Touristenatraktion ist weniger laut aber nicht weniger heftig hinsichtlich der Touristenpräsenz.

Eine weitere Stunde später genieße ich auf dem nahen Campingplatz die leckere auf eigenem Kocher zubereitete XXL-Spaghettimahlzeit, noch später die heiße Dusche, schreibe anschließend Tagebuch und falle recht früh in einen tiefen Schlaf der bald von einem Regen begleitet wird, welcher die ganze „Nacht“ anhält… 

IMG_0509IMG_0517IMG_0512IMG_0520IMG_0532IMG_0542IMG_0551IMG_0554IMG_0556Ein Isländer mag es überhaupt nicht, wenn man sein überaus kräftiges Wikingerpferd „Pony“ nennt…

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IMG_0601IMG_0602IMG_0611IMG_0614IMG_0628IMG_0630IMG_0631IMG_0636IMG_0640IMG_0642IMG_0648Der STROKKUR, etwa 100 m vom Großen Geysir entfernt, bricht alle (4-10) Minuten aus, manchmal bis zu dreimal kurz nacheinander. Die kochende Wassersäule erreicht eine Höhe 25-35 m.

(überwiegend aus Wikipedia) Die größte vom Großen Geysir je erreichte Ausbruchshöhe betrug 170 m (1845), im Schnitt aber „nur“ 60 m. Ab 1915 stellte er seine Aktivität ein, wurde ab 1935 für einige Jahre aktiv und „schlief ein“… In den 1970er Jahren wurde er als Touristenattraktion auch mühsam künstlich aktiviert, der Protest von Umweltverbänden führte dazu, das man das unterließ. Ein Erdbeben im Jahre 2000 reaktivierte ihn, zwischen 17. – 20. Juni 2000 betrug die Ausbruchshöhe sogar bis zu 122 m,  gegenwärtig aber (höchst selten) nur noch bis 10 m. Es dampft aber beständig aus seinem Schlund…

! Achtung, die nachfolgende Bilderserie zeigt Ausbrüche des Strokkur. Bilder des „beständig dampfenden“ Großen Geysir finden sich am Ende des Beitrags vom 29.Juni. !

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