7.000 km? 8.000 km? 10.000 km? – 8 Wochen? 10 Wochen? Abgekürzt?

VORBEMERKUNG: AUCH DAS NACHFOLGEND BESCHRIEBENE WAR TEIL EINER TRAUMREISE, WIE SIE KÜNFTIG KAUM NOCH MÖGLICH SEIN WIRD.
VOR 30 JAHREN WAREN IN NORWEGEN NAHEZU ALLE AUTOSTRASSEN AUCH DEN RADFAHRERN UND RADTOURISTEN ZUGÄNGLICH.
SO IST ES LÄNGST NICHT MEHR.
WIRD EIN TUNNEL GEBAUT – ICH PASSIERTE AUCH 2013 DES ÖFTEREN BAUSTELLEN – , SO WERDEN RADFAHRER SELTEN BERÜCKSICHTIGT.
UNTERQUERT DER TUNNEL EINEN FJORD, WIRD DIE FÄHRVERBINDUNG AUFGEGEBEN. MENSCHEN, DIE IM REGEN KONTAKT MITEINANDER STANDEN WIRD DAS AUFRECHTERHALTEN DER KONTAKTE DADURCH ERHEBLICH ERSCHWERT.

ICH BESUCHTE IM SOMMER TRAUMLANDSCHAFTEN MIT BESONDEREM, AUCH HERBEM REIZ.
DIE NATURSCHÖNHEIT NORDEUROPAS STAND IMMER AUSSER FRAGE, TROTZ DER „MACKE“ VIELER NORWEGER, MANCHER FINNEN UND EINIGER SCHWEDEN, IHRE AUFGEBRAUCHTEN FAHRZEUGE EINFACH IN DER LANDSCHAFT, IM WALDE ODER NACH GENERATIONEN SORTIERT, ORDENTLICH IM EIGENEN GARTEN ZU ENTSORGEN. ÄHNLICHES WIRD GELEGENTLICH AUCH MIT KÜHLSCHRÄNKEN, STAUBSAUGERN ODER FERNSEHGERÄTEN AM STRASSENABHANG ZUM FJORD ZU VERSUCHT.
„IST JA TROTZDEM NOCH GENUG NATUR DA!“, LAUTEN MITUNTER DIE KOMMENTARE.

TROTZ DER INSGESAMT ÜBER 10.000 REISEKILOMETER GELANG ES MIR FAST DURCHGEHEND, DIE EILE AUSZUSCHLIESSEN, MIT BEWOHNERN DER JEWEILIGEN GEGENDEN ZU SPRECHEN, VON IHNEN EINGELADEN ZU WERDEN UND MANCHE IHRER SORGEN KENNENZULERNEN.
ICH NAHM DURCHAUS AUCH ARMUT WAHR UND ENTVÖLKERUNG MANCHER LANDESTEILE INNERHALB DER LETZTEN ÜBER DREI JAHRZEHNTE UND DEREN URSACHEN, VOR ALLEM IM HOHEN NORDEN.

„SCHREIB‘ WIE ES UNS HIER GEHT,
SCHREIB‘ WIE SCHLIMM ES DEN RADFAHRERN GEHT,
SCHREIB‘ WIE DIE STRASSEN ZUSEHENDS VERKOMMEN.
SCHREIB AN „VISIT NORWAY“,
SCHREIB AN DIE REGIERUNG.
WIR HABEN IM HERBST WAHLEN, DAS STRASSENNETZ IST DABEI EIN HEISSES THEMA…“

…EIN ÜBERAUS BELIEBTER MINISTERPRÄSIDENT IST IN NORWEGEN INZWISCHEN ABGEWÄHLT WORDEN, WEIL IHM SEINE KOALITIONSPARTNER ABHANDEN GEKOMMEN SIND. INSOFERN WIRD MEINE SCHILDERUNG NICHTS MEHR BEWIRKEN KÖNNEN.
ODER?

-Na, bloß 7.000 km? Hast die 10.000 km doch nicht ganz geschafft?
-Musstest du abkürzen?
-War das schlechte Wetter schuld?

Den Impuls zur Entstehung eines Abschlusskapitels mit realer Tourenkarte, und komprimierter Benennung der Etappenabschnitte sowie fotografischen Beispielen für „Nichtradwege“ in Norwegen lieferte mein Dortmunder Freund Andreas.
War so gar nicht vorgesehen.

Weil auch in den Medien verschiedene Bewertungen der Zeitdauer und der Länge meiner Extremtour veröffentlicht wurden, weil wegen der Fülle der Einzelheiten einiges durcheinander kam und sich dort auch Fehler eingeschlichen haben, war der Weg zur einen „statistischen“ Auswertung des Reiseverlaufes durch mich nicht mehr weit.
Der geneigte Leser kann sich dadurch anhand der Fakten – gleich oder später – selbst ein Urteil darüber bilden, ob etwas abgekürzt, gemieden, geschönt usw. wurde.
Verschiedene Standpunkte sind möglich.

Während der „18 Nächte zur Mitternachtssonne“ im Jahre 2006 radelte ich von Oslo bis zur Varangerhalbinsel, 500 km „hinter“ dem Nordkap.
An 16 Tagen in Abschnitten von 150 – 230 km fast 3000 km weit. Zwei „Etappen“ von 100 km bzw. 70 km wurden von mir damals als „Ruhetage“ eingestuft.
Drei Tage verbrachte ich am Ziel, bei Vidar Nordberg in Syltefjord, bevor ich nach der Hurtigrutenfahrt von Båtsfjord nach Kirkenes den Flieger von dort nach Süden nahm.
Vidars Staurancafé, aus sibirischem Treibholz erbaut, war im August 2013 „nur“ Zwischenstation.

ZAHLENSPIELE FÜR STATISTIKER, NACHAHMER, Interessierte…
Wie der nachfolgend platzierten realen Tourenkarte 2013 zu entnehmen ist, war ich von den 66 Tagen – also 9,5 Wochen – an 48 Tagen im Sattel.
Dabei legte ich 7.000 km zurück.
Trotz der 40 Regentage eine traumhafte Erfahrung!
Pro Woche über 1.000 km, im Schnitt.
Etappenlängen von 72km – 352 km, durchschnittlich 146 km lang wurden mit bis zu 40 kg Gepäck bewältigt. Einmal sogar an nur drei Tagen 780 km.
Zu den 7.000 Radkilometern fügten sich noch zwangsläufig die Fährpassagen nach und von Skandinavien (etwa 500 km), die 100 km Bustransfer nach Bergen, die Hurtigrutenstrecke Bergen – Ålesund (etwa 300 km) und diverse Fjordfähren (geschätzt 250 km). Die geplante Hurtigrutentour Honningsvåg-Mehamn, welche durch die Umstände bis Berlevåg verlängert wurde (150 km), die Schnellbootpassage Syltefjord-Hamningsberg (25 km), die Passage mit der „LOFOTEN“, dem ältesten Schiff der Hurtigrute von Vardø nach Kirkenes war dabei (100km), der Tour-Retour-Transfer auf die Kökarinseln im Åland-Archipel (80km) ebenfalls.
Somit betrug die Gesamtstrecke schon mindestens 8.500 km!.
Und zusammen mit etwa 200 km Wanderungen, sowie dem gelegentlichen Jogging, welches den strapazierten Fußsohlen ausgesprochen guttat, legte ich über 9.000 km zurück.
Wegen des katastrophalen Zustandes des „angebotenen“ Fernreiseradnetzes insbesondere im Süden Norwegens, benötigte ich trotz extremen Krafteinsatzes und trotz der Radlererfahrung 2006 ungefähr eine Woche länger als geplant, um etwa bis zum Polarkreis vorzudringen.

In dieser Zeit hätte ich zwischen Stavanger und Ålesund sowie weiter nördlich zwischen der Nordkapinsel und Kirkenes auf dort recht guten, für Radler nicht verbotenen Asphaltstraßen der Finnmark zusätzliche etwa 1.000 km durchradelt, wie ich es teilweise 2006 tat oder bei der Vorbereitungstour 2011 bzw. früher per PKW bewältigte (Mehamn-Gamvik-Hopseidet-Vestertana-Tanabru-Berlevåg; Syltefjord-Tanabru-Vardø/Kirkenes) . Ein weiterer Besuch der Wüsteninsel Anholt im Kattegat wäre ebenso noch innerhalb der 66 Tage meiner Reise möglich gewesen.

Aber auch ohne die zusätzliche Alternative war meine Tour etwa 10.200 km lang, nimmt man den Bahntransfer Bochum-Niebüll und Putgarden-Bochum hinzu…

Der Vergleich des wirklichen Streckenverlaufes – zu sehen auf der nachfolgenden Karte – mit der Planung vom Februar verdeutlicht, dass die Abweichungen trotz der beschriebenen Schwierigkeiten fast vernachlässigbar sind.

Geradezu grotesk hingegen wirkt auf mich im Nachhinein die radlerfreundliche Einladung auf der Homepage von Visit Norway, oder anderer Portale, wenn man nach dem Nordsee(rad)weg googelt:

Die beworbenen 6.000 km Radwege entlang der Küsten der Anrainer der Nordsee sehen auf der Landkarte phantastisch aus.
Die Praxis in dem von mir bewältigten Bereich war aber völlig anders, das Durchradeln häufig unmöglich, das Hinaufziehen des bepackten Rades (mitunter über Hunderte Höhenmeter) eine Tortur. Kein Wunder, dass mir trotz der aktuellen Werbekampagne im südlichsten Norwegen innerhalb einer Woche nur drei Fernradler begegneten: ein Tscheche sowie ein französisches Paar.
Schon die wenigen Werbefotos zum Nordseeradweg zeigen meistens Radler oder Familien in lockerer Freizeitkleidung mit kleinem „Tagesrucksäckchen“ gesellig beieinander. Das (nicht gezeigte) Ferienhaus oder Auto ganz in der Nähe kann man fast erahnen. Vielleicht waren die Radler gerade auf dem Weg zum nächsten Schwimmbad, Hügel mit Aussicht oder zu den Nachbarn im nächsten Ferienhaus, wo die warmen Waffeln mit Himbeermarmelade schon warteten.
Beispielhaftes Anfangszitat:
„Velkommen til North Sea Cycle Route.
Her finnes 6000 km lang rekke av opplevelser som ligger klar og venter på syklisten.
Følger du ruten vil du oppdage et mangfold av pittoreske byer, små fiskelandsbyer og frodige bygder med hyggelige bondegårder.
Du sykler gjennom bølgende landskap langs kysten, med naturskjønne strender og sanddyner hvor man kan bade eller studere fugler. Du får også oppleve stille skoger og tradisjonsrike kulturlandskap litt lengre inne i landet. Du trenger ikke bekymre deg for at du ikke skal finne frem, man bare sykler i veg så kommer man tilbake til utganspunktet…“
Sinngemäße Übersetzung:
„Willkommen auf dem Nordseeradweg.
Hier findet sich auf 6.000 km eine Reihe von Erlebnissen, die für den Radler bereitliegen.
Folgst du der Route, so entdeckst du eine Menge pittoresker Städtchen, Fischerdörfer, üppiger Landbezirke, gemütlicher Bauernhäuser.
Du radelst durch eine wellige Landschaft entlang der Küste, mit naturschönen Stränden und Sanddünen, wo man ein Bad nehmen oder die Vögel studieren(beobachten) kann. Du erlebst auch stille Wälder und eine traditionsreiche Kulturlandschaft, etwas weiter im Binnenland. Du musst dich nicht sorgen, dass du dich verirst, radle den Weg einfach weiter und du kommst zurück zum Ausgangspunkt…“

Ein Kommentar erübrigt sich.
Nicht aber ein bebildertes Praxisbeispiel zur Realität (und Naturschönheit) anhand der „Erlebnistour“ Kap Lindesnes-Flekkefjord, für die ich anstelle der geplanten 6 Stunden über 20 Stunden benötigte.

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Wegen der Tunnels in der Nähe von Flekkefjord muss der Radler ausweichen…

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…um nach Stunden an einer Ausfahrt vor einem weiteren Verbotsschild für Radler anzukommen

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Nach Mehrfachwiederholungen durch „Eingeborenentipp“ doch noch den offiziellen Radweg gefunden.

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Pittoresk?

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Müllabladen verboten. Zuwiderhandlungen werden polizeilich angezeigt.
Das Tinfos Eisenwerk AS


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Nanu, was hat denn das Stahlwerk hier „abgeladen“:
Teilübersetzung
Erste Hilfe Maßnahmen:
Bei Einatmung Frische Luft, Ruhe und Wärme. Kontaktiere einen Arzt, falls sich das Unwohlsein nicht legt.
Bei Hautkontakt Entferne die Verschmutzte Bekleidung. Reinige sofort die Haut mit Seife und Wasser. Kontaktiere einen Arzt, falls sich das Unwohlsein nicht legt.l
Bei Augenkontakt. Spüle sofort mit viel Wasser (temperiert 20-30 Grad) mindestens 15 Minuten lang. Kontaktiere einen Arzt, falls die Symptome nicht verschwinden.
Bei Verschlucken Trinke viel Wasser. Führe ein Erbrechen herbei, falls die Person bei Bewusstsein ist. Kontaktiere einen Arzt.

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„Wir Radfahrer/Fußgänger müssen draußen bleiben“, der Brummi zischt durch den 500 m langen Tunnel schnell zurück zum Stahlwerk, um mit seinen Brüdern die nächste Ladung zur „Verklappung“ aufzunehmen…Sind die Ausdünstungen seiner Last etwa zu gefährlich für uns im Tunnel?…

Eine Reihe von Erlebnissen, die für den Radler bereitliegen…
Bei den Alternativen ist man auf die Tunnelpassage ja auch gar nicht angewiesen:

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20130922-142354.jpgGeschafft, Asphalt erreicht.

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Mein tschechischer Bruder im Geiste kümmert sich nicht um Verbote und „taucht“ trotz Verbots durch die Tunnelröhren….,

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…während ich mich den Schönheiten des Nordseeweges hingebe…,

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Ganz oben: der Motorweg;
Der Asphaltweg… endet an einem Privathaus
Der Nordseeweg… taucht ab in den Wald…

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und bietet…

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…hervorragende Trainingsmöglichkeiten für Fernradler…
nein, der Asphaltweg ist nur der Zubringer zum Motorweg… Es geht abwärts (nicht für Autofahrer)…

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… und aufwärts…, …in selbst für Wanderer…

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…schwierigem Terrain…

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Keine Sorge, man verirrt sich nicht…, …man folgt einfach der oft verständlicherweise eigenartig schwer auszumachenden Beschilderung…
Flekkefjord ist schließlich nach etwa 36 Stunden seit Lindesnes und 20 statt 6 Stunden reiner Reisezeit erreicht…
Selbstverständlich müssen wir Radler zur eigenen Sicherheit sofort auf den Fußgängerweg ausweichen in dem einst zum schönsten Städchen Norwegens gewählten FLEKKEFJORD.

20130922-151118.jpgPer Draisine wären wir weniger gefährdet, wir kämen damit aber nicht sehr weit…

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Fazit/Tipp an die Stadtoberen Flekkefjords und für die vielen an Radtouristen interessierten Kommunen Norwegens (gibt es die?) mit gleichen Problemen:
Jeder Fernradler sollte bei Voranmeldung als Willkommensgeschenk eine Polizeieskorte oder einen Bustransfer durch die verbotenen Tunnelpassagen erhalten. Die Werbewirkung wäre riesig, die Kosten dafür zunächst minimal bei den „3 echten Radtouristen je Woche“ die sich zur Zeit nach Südnorwegen verirren…

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Abschlussbonbon: auf der Etappe zwischen Stavanger und Bergen „kickte“ mich das Navigationsgerät am 28. Juni an einer etwas abschüssigen, kurvenreichen Strecke von der plötzlich für Radfahrer verbotenen E39 auf einen Waldweg. Nach 30 Minuten angestrengten Schiebens – die Nadelbäumchen auf dem Pfad waren teilweise über einen Meter hoch – erreichte ich den mit Gestrüpp gesperrten, nicht verschlossenen Schlagbaum. 10 Minuten Waldarbeiterdienst, der Schlagbaum war geöffnet und ich konnte weiter…, auf der E 39 hätte alles keine zwei Minuten gedauert.