Die Zeit vergeht? Begegnungen eines „Zeitreisenden“.

„Wie alt bist du?“, wörtlich auf Polnisch gefragt, grenzt an eine Beleidigung.
Nicht, weil es sich nicht schickt nach dem Alter zu fragen – dafür, ob es sich schickt, braucht man übrigens auch auf Polnisch einen Sondersinn – nein, auf Polnisch fragt man dann vornehmer:
Wie viele Jahre hast du?“
Jahre, angesammelt als Reichtum…, an Erfahrung, Weisheit, Güte, und mehr.
Da kann unser „wie alt bist du“ wirklich nicht mithalten, weil „alt“ fast automatisch negativ belegt/empfunden wird.

„Er ist aus der Zeit gegangen“, sagt man in Schweden gelegentlich, wenn man mitteilen will, dass jemand verstorben ist. Ist ebenfalls ungewöhnlich für deutsche Ohren…

„Ach, wie schnell die Zeit vergeht!“…, …Quatsch, „Zeit vergeht nicht, Zeit kommt“, habe ich auf meiner Reise gelernt.

(Klar, diese Redewendung haben wir ja des Öfteren meistens unbewusst parat und benutzen sie auch:
„Die Zeit wird kommen, da wirst du…,
„Es kommt noch einmal die Zeit, dass….“ usw.
Dennoch, die Empfindung des Vergänglichen dominiert all dies, sodass das Bewusstsein wenig Möglichkeiten findet, auch das Zukünftige mit einzubeziehen.)

Die Zeit kam also, auch während meines Aufenthaltes im Norden.
Und mit ihr kam es zu Reisebegegnungen.
Mit Menschen aus 34 Nationen, in vielen Sprachen.
Und verschiedenen Blickwinkeln auf scheinbar Gleiches.
Es waren zugleich Möglichkeiten, noch offener, toleranter, zurückhaltender und aufmerksamer zu werden…,
…mit jedem und auch für jeden Augenblick, der auf mich „zuraste“ und sich scheinbar wieder entfernte.

Die Möglichkeiten, wirklich GEGENWÄRTIG zu sein.

– „Früher, als Kind hatte ich genug Zeit für alles, da verlief alles viel langsamer. Im Erwachsenenalter rennt einem die Zeit einfach davon. Wo sind bloß die vielen schönen Jahre geblieben?“…
Ist das wirklich so?
Eingebunden in den Alltag, in die Mühle der Zwänge und Verpflichtungen, in den Terminkalender – der vielleicht doch noch etwas voller gepackt werden kann – laufen wir Gefahr, dass uns die Zeit davonläuft.
Da scheint es mir immer wichtiger zu sein, für sich individuelle Möglichkeiten innerer Ruhe zu finden (zu schaffen?), welche die Zeit offensichtlich „anhalten“, sie „scheinbar(?)“ zu dehnen vermögen…

Individuelle Möglichkeiten, individuelle Herausforderungen, möglich z.B. auch auf sportlicher Ebene.

Schon während meiner ersten großen „Nachttour“ 2006 hatte ich das Gefühl, fast ein halbes Jahr lang und nicht nur etwas über 3 Wochen unterwegs gewesen zu sein.
2013 war ich aber 66 Tage vor allem aber Nächte lang unterwegs…

Wenn ich es 2006 einmal nicht einrichten konnte, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Reisenotizen zu machen, hatte ich beim anschließenden Rückblick auf die Ereignisse das Gefühl, vor mindestens einer Woche den Ort A besucht, den Menschen B getroffen, den Gedanken C gehabt zu haben, obwohl mich nur wenige Stunden vom Erlebnis trennten.
Ein extrem anderes Zeitempfinden. Beglückend.

Für meine soeben abgeschlossene Fahrt traf das noch in wesentlich gesteigerter Form zu.
Trotz der selbst fixierten Vorgabe, eine bestimmte Strecke durchradeln zu „müssen“, um im zur Verfügung stehenden Zeitraum die Reise abschließen zu können, bemerkte ich schnell, dass Eile ein falscher Reisepartner ist.
Gerade durch „Gegenmaßnahmen“ und Alternativen, wie ich sie damals auch beschrieben habe, kam es zu Begegnungen und/oder zu Gesprächen, die ich mir auf einer gedachten Wunschliste gar nicht hoch genug hätte hängen können.
Manche schilderte ich ausführlicher, die meisten blieben unerwähnt, bleiben mir aber „gegenwärtig“.

In Zukunft kommt es (auch bei mir) weiterhin darauf an, zu achten, was die kommende Lebenszeit an Aufgabenfeldern bereithält und die Zuversicht zu behalten, daraus das universell Richtige und das individuell Mögliche realisieren zu können…

Wie viele Jahre hast du?“…,
…jeder von uns hat seine Lebenszeit, bevor er aus dieser gegangen ist.

Und auch „die Zeit“ IST…, …ganz unabhängig von KOMMEN und GEHEN…

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