40 Tage Regen, wie hält man das aus? – Mentale und materielle Ausrüstung

(letzte Aktualisierung am 01.09.13)

Im Beitrag vom 7. Juli, praktisch noch am Anfang der Reise, äußerte ich mich – auch anlässlich eines Zeitungsartikels über mein Unterfangen – zum Wetter.
Die aus meiner Sicht dafür nötige mentale „Ausrüstung“ wurde dort besonders und ausreichend thematisiert. Das ganz zum Schluss noch einmal gezeigte Video kurz vor dem Start von Lysøysund, wo ich planmäßig in einer Ferienhütte „Kurzurlaub“ machte verdeutlicht, auf welche Verhältnisse man sich einlassen können muss. Der Regen hörte damals zwar bald auf, der Sturmwind blies mir aber im ersten Teilstück der über 200 km langen Etappe direkt entgegen.
Nachfolgend und zum Abschluss einige Ergänzungen zum Material, Anregungen und neue Blickwinkel
.

Für Campingverweigerer vielleicht informativ,
Für „Infizierte“ vielleicht eine Goldgrube.
Für die Übrigen vielleicht interessant…

„Ich stelle mich auf 70 Tage Regen ein, insofern kann mir nichts passieren“, äußerte ich kurz vor dem Start Mitte Juni im Interview mit 98.5 Radio Bochum.

In Wirklichkeit waren von insgesamt 66 Tagen meiner Radtour 40 Tage von Dauerregen bestimmt, für 27 der ersten 31 Tage traf das besonders zu – in gewöhnlicher Wortverwendung wird man kaum von „gutem Wetter“ während der Reise sprechen können.

Andererseits trifft auch wirklich zu: „DAS WETTER“ IST.

Wir Menschen definieren es, wie ich schon während der Reise bemerkte, subjektiv als „gut“, „schlecht“ usw.

Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung!„, … nur eine Floskel?…,
– nein, da ist etwas dran.
Tauscht man im letzten Satz „schlechte Kleidung“ gegen „ungeeignete Ausrüstung“, ist man schon, das Materielle betreffend, nahe am Wesentlichen.

Ein – laut Werbung – „in zwei Sekunden“ aufgebautes Zelt ist für die Gartenpraxis vielleicht hervorragend geeignet.
In Extremsituationen, auf Reisen wie der von mir absolvierten, kann es in Sekundenbruchteilen zerrissen, fortgeweht werden.
Und dann?…

Herausforderungen mit Zeltübernachtungen zu verschiedenen Jahreszeiten nahm ich seit 1981 regelmäßig an. Ich organisierte und begleitete als Lehrer Klassenfahrten per Rad.
Offen zu bleiben für Innovationen auf dem „Outdoormarkt“, war mir dabei trotz wachsender Erfahrung äußerst wichtig.
Selbst Bewährtes wurde dadurch im eigenen Equipment konsequent durch Geeigneteres ersetzt.
Manchmal – selten – war auch eine Entscheidung zwischen gleichwertigen Produktlinien nötig.

Einige der 2013 mitgeführten neuen Ausrüstungsteile haben den Praxistest nicht bestanden.
Materialien meiner genannten „Partner“ waren davon nicht betroffen.
Produkte einiger nicht im Reise-Sheet erwähnter Ausrüster, die mich seit längerer Zeit unterstützen, haben sich weiterhin oder neu bewährt:
– der mit Gas, Diesel, Benzin, Petroleum zu betreibende Kocher,
– die drei sehr leichten, durch besondere Verschlusssysteme absolut dichten, Edelstahlflaschen,
– die Liegematte,
– der Schlafsack aus Kunstfaser (beim „Zeltreisen“ mit Pkw verwende ich allerdings ausschließlich Daunenschlafsäcke),
– der enorm starke Helmstrahler.

Der neue, etwa 100 € teure Fahrradhelm hat sich für meine Kopfform(?) nicht bewährt, er rutschte mir im „regennassen“ Zustand bei vorgebeugter, tiefer Sitzposition (wegen des verbesserten, tieferen Hinterkopfschutzes) immer tiefer in die Stirn, bis auf die Augenbrauen.
Ich schickte ihn nach Hause zurück, nachdem sich ein finnisches Warenhausmodel für 16,- € blendend bewährt hat.

Die mir empfohlene über 100 € teure rote (zu?) leichte Membran-Regenjacke mit fast unschlagbaren, theoretischen Verdunstungswerten, war für die dynamische Reiseart völlig ungeeignet. Sobald ich beim Radeln (im Regen) anfing zu schwitzen, klebte sie fast wie eine Plastiktüte an der Haut, an dem Merinoshirt, am „Unterzeug“, tropfte aus den Ärmeln, verstärkte das Nässegefühl auf Rücken, Schulter, Bauch.
Ich besorgte mir auf den Lofoten eine sehr teure(!) blaue Goretexjacke chinesischer Herstellung, die das Problem augenblicklich verschwinden ließ. Zwar verhinderte auch sie das Schwitzen nicht, im Verhältnis zur Jacke des deutschen Ausrüsters, die früher die Heimreise antrat, ergab sich aber durch Materialart und funktionelle Schnittform ein geradezu paradiesisches Arbeitsklima für die weiteren 5.000 km.

Die Verwendung nicht ‚miefender‘ Merinounterwäsche eines ausländischen Herstellers, die ich seit Jahren in lang und kurz auch beim Eisschnelllautraining favorisiere, verminderte die Mitnahme wärmender Sachen auf einen Bruchteil früherer Notwendigkeiten. Die Skisocken gleicher Marke waren allerdings schon im Vorfeld, in der Testphase, schnell durchgerieben und während der Tour immer wieder zu flicken. Beim Wandern, hörte ich, sind sie ebenso anfällig.
Sicherlich erfüllen die Socken aber beim Skifahren perfekt die Anforderungen, für die sie konzipiert wurden.

Die auf dem Markt völlig neue Lenkertasche mit der Möglichkeit, ein IPad mit Navigationssystem mitzuführen und das Display über die Sichtfolie zu bedienen, mag nützlich sein für Spritztouren in die nähere Umgebung. Sie ist sicherlich auch ein besonderer Blickfang.
Für den Dauereinsatz unter Extrembedingungen, wie ich sie während der 7.000 km erlebte, erwies sich aus unterschiedlichen Gründen als nicht geeignet.
Das Handling und die Art der Reißverschlüsse sowie die „Not des Fernreisenden“, die bei aktivem Display schnell ausgepumpten Akkus nicht nachladen zu können, sollte bei der Nachrüstung noch stärker im Focus stehen.
Ich habe die Tasche meinem Fahrradausrüster zurückgegeben mit entsprechenden Bewertungen für den Hersteller.

Das „Power Pack“ für die Aufladung des IPads zwischendurch war eine große Hilfe.
Zwar lädt mein Spezialdynamo per USB-Anschluss iPod und Mobiltelefon.
Für die Aufladung des IPads reicht die in Deutschland für das Fahrrad gesetzlich maximal zulässige Wattzahl aber nicht aus.

Im Buch „18 Nächte zur Mitternachtssonne“, anlässlich der Fahrt 2006 von Oslo bis Kirkenes, „beleuchtete“ ich bereits verschiedene Ausrüstungsgegenstände genau.
Gerade im Zusammenhang mit der überwiegend regnerischen Witterung während meiner Tour 2013 möchte die Betrachtungen „materieller“ Ausrüstung abschließen mit einem Blick auf die mobile Unterkunft, das Zelt.
Vielleicht liefern meine Ausführungen auch Ideen, um Fehler zu verhindern, wie sie auch mir früher unterlaufen sind.

Ich setze voraus:
– dass heutzutage kein Zelt die Mitnahme verdient, wenn sein Innenzelt, so vorhanden, beim Aufbau im Regen nass wird;
– dass das Aufschlagen eines Zeltes nur Sinn macht auf leicht erhöhtem, u.U. etwas schrägem, überschwemmungssicheren Untergrund;
– dass jedes Zelt – selbst bei Windstille – auch auf Felsgrund sturmfest zu verankern ist
(geeignete Zeltnägel/-heringe, Steine, Balken, Wurzeln, Bäume, Gepäckgummibänder als Verlängerung können mit wachsender Erfahrung immer effektiver eingesetzt werden);
– dass jedes Zelt aus Materialien gefertigt ist, die den Belastungen im Einsatz gewachsen sind;
– dass das Innenzelt, der „Wohnbereich“, ausschließlich barfuß und möglichst trocken betreten wird (Nasses bleibt draußen unter dem Außenzelt!);
– dass der Besitzer die richtige Aufbauweise seines Zeltes beherrscht (Selbst bekannte Testinstitute können bei Innovationen überfordert sein, bzw. durch gewohntes Handling zu gravierenden Fehlurteilen kommen. Unser erstes Zelt, ein 3-Personen-Tunnelzelt gleicher Marke wurde 1987 mit „mangelhaft“ bewertet. Es wiegt unter 3 kg, ist immer noch unbeschädigt und voll einsatzfähig, auch wenn die Reißfestigkeit des Gewebes durch Nutzung und Sonneneinstrahlung nach über einem Vierteljahrhundert gelitten haben dürfte. Das damals schon eingeknüpfte Innenzelt war eine der Neuerungen. Gut, dass wir beim Kauf nichts vom Testurteil wussten und nach gründlicher Einführung in die Aufbauweise, eigene Erfahrungen damit machen konnten.
Gewonnen hat den Test damals übrigens ein 7 kg schweres Zelt, bei dem das Innenzelt beim Aufbau im Regen zunächst aufgestellt werden musste und dabei zwangsläufig „einregnete“…).

Nach gut 20 Reisetagen, nördlich von Tjøtta und fast am Polarkreis knüpfte ich in wunderschöner, verregneter Landschaft erstmalig das Innenzelt aus (ist in 2 Minuten leicht zu bewältigen, das Einknüpfen geht ebenso schnell) und sicherte es trocken in einer Plastiktüte. Den Vorgang dokumentierte ich.
Ich besorgte mir bereits vor 7 Jahren eine passende Bodenschutzmatte, die zwar etwa 300 g wiegt, aber die Innenzeltwanne ausgezeichnet vor Schmutz, Abschürfungen und Feuchtigkeit schützt.

Bei Aussicht auf ein paar windige, regenfreie Stunden verpackte ich gewöhnlich das noch nasse Zelt und trocknete es, während ich bei einer Rast auf der Liegematte etwa 30 Minuten „Mittagsschlaf“ hielt. – Grundprinzip: Keine Spuren hinterlassen (die 3 Fotos machte ich noch in Dänemark)

TIPP ZUM ZELTAUFBAU IM REGEN FÜR AUTOREISENDE:
Einer opfert sich, baut das Zelt in Badehose/-anzug auf und räumt es ein. Alles mit Ausnahme der Badebekleidung und der Haut bleibt so trocken…

Meine Klickschuhe blieben übrigens in den ersten 5 Wochen nass. Spritzwasser, Sprühnebel, Kapilarwirkung durch Membrangamaschen, Schwitzen brachten zwangsläufig das Eindringen der Flüssigkeit bis zum Fuß mit sich.
(Von Outdoor-Ausrüstern zu entwickelnde dünne „Membranübersocken“ wären eine Zukunftsaufgabe – vielleicht gibt es die auch schon???)
Trockene Füße behielt man in nassen Schuhen nur etwa 2 Stunden lang, wenn diese in frischen Socken in Plastiktüten verpackt „betreten“ wurden. Danach half mental die Erinnerung, „trockene Füße gehabt zu haben“…

20130829-155741.jpg

20130829-160114.jpg

20130829-160036.jpg

20130829-160147.jpg

20130829-160207.jpg

20130829-160239.jpg

20130829-160258.jpg

20130829-160326.jpg

20130829-160352.jpg

20130829-160441.jpg

20130831-225842.jpg

20130831-225912.jpg

20130831-225955.jpg

20130901-102639.jpg
Video: Regensturm