Joulupukki, der Weihnachtsmann, Raija und Veijo Käpylä

Eine besondere Art der Begegnung nach 18 Jahren


Ja, ich kann Stricken. Ein Bisschen. Einen besonderen Schal (Drachenschwanz), eine dazu passende Mütze und Handschuhe strickte ich mir in letzter Zeit, Socken schon früher. Und gelernt habe ich den anfänglichen Umgang mit der Nadel autodidaktisch mit 27 Jahren, lange vor meiner Waldorflehrerzeit, als ich meine Frau, eine Meisterstrickerin, zum Geburtstag mit einem selbstgestrickten, gelben Kosmetiketui überraschte.
Auf Skandinavienfähren war der strickende Mann in der Folgezeit ein beliebtes Fotomotiv, oft „mit versteckter Kamera“ geschossen und auf der Langelandfähre BAGENKOP – KIEL, die gab es einmal, muss es vor 30 Jahren für unsere Dortmunder Freunde Andreas und Angelika (s. Lakritzeis Sodänkylä) schon eine gewisse Belastung gewesen sein, die fragenden Blicke der anderen Passagiere ihren merkwürdigen Sitznachbarn betreffend, ertragen zu müssen…

Meine Mutter strickte während meiner Kindheit in Schlesien auf der einzigen Strickmaschine des Dorfes bestimmt eintausend Jacken und Pullis fertig.
Zusätzlicher Broterwerb.
Und ich durfte ihr als Kleinkind gern helfen, manches glatte Rückenteil oder einen Ärmel bis zum Abnehmen durchzustricken.
Später wurden von ihr in Heimarbeit die Finger von vorgefertigten Handschuhen aus einer staatlichen Fabrik tausendfach maschinel angefügt. Bei diesem Prozess konnte ich schon die ganzen Arbeitsabläufe überblicken und durfte mithelfen.
Meine Mutter brachte mir damals auch das Sticken bei. Ein Zierkissen, das ich mit mit großer Freude hinbekam, als ich 9 war, zeige ich noch heute stolz bei besonderen Gelegenheiten…
*
…Als Waldläufer, Pilzsammler, Gelegenheitsschnitzer, gelegentlich im aus Decken am Gartenzaun errichteten Zelt übernachtender Abenteurer, Skiwanderer in den schlesischen Wäldern um Kupp/Salzbrunn herum hatte ich in der Kindheit immer ein Messer dabei.
Und träumte davon, einmal ein echtes Finnmesser (eine FINKA, wie wir in Schlesien sagten) zu besitzen.
Seit ich wusste, dass es sie gibt.
Selbstverständlich waren Finnmesser nach unserem ersten Finnlandbesuch 1980 auch im Rückreisegepäck dabei.

Vor 18 Jahren, als meine Frau und ich wieder einmal den Polarkreis passierten war es soweit:
Durch unsere lappländische Freundin Tuula angeregt, stoppten wir erstmalig am Weihnachtsmanndorf und fanden viele Vorurteile bestätigt.
Vieles, was durch Reiseromantik verstärkt Käufer finden konnte, wurde hier angeboten.
Es wäre z.B. interessant zu wissen, wie viele Rentiergeweihe später als Gartenschlauchhalter ihre Endbestimmung fanden, wie viele Rentierfelle wegen „Haarausfalls“ heimlich entsorgt wurden, wie viele…
Sehr viel Bekleidung war selbstverständlich auch dabei und samische(?) Kunst.

An einer Stelle wurden aber auch wir gefangen.
Unter den unübersichtlich vielen Pullovern mit „Norweger-“ und anderen Mustern gab es Ausnahmen unsere subjektive Wahrnehmung betreffend:
„Ateljee Raija Käpylä, Kilpua“ stand auf dem Schild der wunderschönen Wollpullis mit den Landschaftsmotiven.
Preis: 400,- DM.
Mir hat es der Pullover mit den Elchen, meiner Frau der mit den Lachsen angetan.
Wir kauften sie.
16 Jahre später, bei der Vorbereitung der aktuellen Radtour, kam ich wieder in das Weihnachtsmanndorf am Polarkreis.
Ich wollte meine Frau mit einem weiteren Pullover überraschen.
Das Angebot hat sich verändert und erweitert, Pullover aus dem Ateljee Raija Käpylä waren aber nicht mehr zu finden.
Zurückgekehrt, suchte ich im Internet nach dem „Ateljee Raija Käpyla Kilpua“ und fand Pullover, die zumindest nach dem Entwurf von Raija Käpylä hergestellt waren.

Schließlich fand ich auch Raijas Telefonnummer und rief sie an.
Sie strickte noch Pullover. Ihre „Handschrift“ war auch in den neuen Kreationen unverkennbar.
Die Preise blieben nahezu unverändert. 200,- € je Pullover, die Arbeitszeit dafür: fast eine Woche.
Ich schenkte meiner Frau zum Geburtstag einen Pullover mit Schneehühnern und bestellte für mich einen mit Füchsen. Auch zur Freude der Kinder der Unterstufenklassen, die es gewohnt waren, dass manchmal Elche, Lachse, Tannen, ganze Landschaften scheinbar vom Pullover an die Tafel „sprangen“.
Raija und ich telefonierten gelegentlich miteinander, wechselten Emails. Ich schickte ihr Fotos aktueller Tafelbilder, die ich meistens zusammen mit jüngeren Kollegen nach deren Wünschen, nach Unterrichtsthemen in ihren Klassen, oder zu Jahresfesten malte.
Meine Frau schenkte mir einen weiteren Pullover mit Auerhähnen, die schließlich auch als Ergänzung eines Motivs an die Tafel „sprangen“.

Bei der Tourvorbereitung legte ich die Reisestrecke nicht ganz zufällig über Kilpua.
Vielleicht ergibt sich während der Fahrt tatsächlich die Möglichkeit, Raija zu besuchen – so hoffte ich.
Etwa eine Woche vor dem Start erreichte mich ihre herzliche Einladung vorbeizukommen, geschrieben auch in der Hoffnung, ich sei noch nicht vorbeigefahren.

Nun war ich da und erfuhr vieles im direkten Gespräch.

Seit ihre drei Kinder selbständig geworden sind, leben die Käpyläs zu zweit in ihrem verzweigten, über sehr viel Wohnfläche verfügenden Haus auf einem für deutsche Verhältnisse riesigen Grundstück mit dazugehörigen 100 ha Land.
Raija strickte nicht nur in den vergangenen Jahrzehnten, sie häkelte, stickte und malte auch viele wunderschöne Aquarelbilder.
Schön, dass in ihrem Haus so viele „Nachweise“ künstlerischen Schaffens dekorativ platziert sind.
„Ich strickte auch als Kind schon gern“, meinte sie, als ich danach fragte, „nur dreimal mehr!“
Die alten Prospekte zeigen viele Kreationen, die ich gar nicht kannte, neue Variationen erweiterten das Repertoire inzwischen beträchtlich.
Alle ihrer Entwürfe sind als Pullover, Jacke, Mütze o.ä. auch heute auf Bestellung zu haben, Raijas Schaffenskraft scheint unerschöpflich zu sein…

Als ich vor 2 Jahren nach dem Ateljee Raija Käpylä suchte, fand ich sehr schnell eine Internetadresse unter der die Stricksachen bestellt werden konnten.
Verwundert hat mich aber, dass dort außer vielen anderen Produkten vor allem auch wertvolle, handgearbeitete Finnmesser auf der Angebotspalette standen.
Dass Raijas Mann Veijo damit zu tun hat, erfuhr ich erst hier in Käpylä.
Veijos Vorfahren siedelten sich schon vor gut 100 Jahren an diesem Ort an, übernahmen ihn auch als Familiennamen.
Er selbst ist inzwischen pensioniert, davor arbeitete er aber 45 Jahre lang in einem Unternehmen, das sich besonders auf die Herstellung von Finnmessern nach traditionellen alten Vorlagen orientierte.
Alles in Handarbeit.
In seinem „Arbeitszimmer“ erklärte er mir einzelne Arbeitsgänge, die verschiedenen Messerarten und – auch anekdotisch – die Vorlieben verschiedener Kunden weltweit für bestimmte Produktmodelle.
Veijo selbst hat weit über 1000 Messer angefertigt, alle Klingen aus seiner Hand sind mit den Initialen VK versehen.
Als er nicht davon abzubringen ist, mir ein Messer in schwarzroter Scheide mit eingeprägtem Muster von etwa 1840 zu schenken, kommen mir beinahe die Tränen.
„Darfst du nicht machen Veijo“, stammele ich nur verlegen, „sonst komme ich morgen wieder…, …Quatsch…, sonst traue ich mich überhaupt nicht mehr, hierher zu kommen“, füge ich nach…

Beide, Raija wie Veijo sind äußerst bescheiden.
Ins Ausland zu verreisen, trauten sie sich bislang wegen fehlender Fremdsprachkenntnisse nicht. Obwohl:
Ihr Sohn studierte jahrelang in Tübingen, macht jetzt in Helsinki seinen Doktor, fällt Raija bei der Verabschiedung auf meine Einladung hin ein…
Tervetuloa,
herzlich willkommen!

20130808-093035.jpg

20130808-093112.jpg

20130808-093209.jpg

20130808-093144.jpg

20130808-093240.jpg

20130808-093302.jpg

20130808-093325.jpg

20130808-093336.jpg

20130808-093413.jpg

20130808-093358.jpg

20130808-093432.jpg

20130808-093503.jpg

20130808-093546.jpg

20130808-093558.jpg

20130808-093621.jpg

20130808-093700.jpg

20130808-093741.jpg

20130808-093637.jpg

20130808-093826.jpg

20130808-093844.jpg

20130808-093917.jpg

20130808-093952.jpg