352 km nach Mänttä die Königsetappe(!) – oder wie ich die Angst vor Bären verlor

352 km und 40 kg Gepäck…, ja, es stimmt…, es ist offenbar möglich…, 352 km!!!, obwohl ich auch noch 6 Stunden lang kräftigen Gegenwind hatte…, obwohl mir eine ungeplante Abkürzung nach etwa 270 km alles abverlangte und mich trotzdem etwa 3 Stunden später ankommen ließ, als erhofft.
Ich denke, ich war bisher nur wenige Male im Leben so müde wie am Dienstagmorgen um 7.00 Uhr…
Jetzt, da „die Ferien“ bei meinen (unseren) Freunden vorbei sind und ich ausgeruht die 263 km bis Turku zurücklegen konnte, etwas zu meiner „Königsetappe“:

Die Zeit mit Raija und Veijo verlief wie im Flug („wie im Fluge“ akzeptiert mein IPad nicht, offenbar bin ich zu alt…), sie wird mir aber unvergesslich bleiben. Mal sehen, wann wir einander wiederbegegnen…
Ich „musste“ mich mit der Käpyläs eigenen Lebensmittelvorräten versorgen, wobei es für Raija besonders freudig und interessant war, meine Butterbrote, die tatsächlich diesen Namen verdienten, zu fotografieren.

Nein, Veijo wollte nicht an meiner Stelle die Pedale bedienen, mit Rad ablichten ließ er sich aber gern.
Um 16.30 Uhr, zwei Stunden später als geplant, ging es los. Ein letztes Foto der Stelle, an der ich gestern (heute Nacht) für die letzten 400 m abgeholt wurde.
Diesmal ließ ich mich bewusst vom für den Fahrradbetrieb eingestellten Navigaatori, wie die Finnen sagen, leiten.
Ich saß morgens lange über den Karten und die angebotenen PKW- Verbindungen nach Mänttä gaben immer Streckenlängen von 400-450 km, was für mich als Radler in einem Zug zu bewältigen, unmöglich war. Die Kombination verschiedener Radverbindungen mit Autostraßen ermöglichte es aber, nach etwa 330-350 km im Ziel zu sein.
Nach der gestrigen Rekordstrecke geradezu eine Hausforderung. Allerdings war mir auch bekannt, dass das inzwischen wellig gewordene Streckenprofil sich zum Ziel hin noch weiter auf- und abschwingt und mitunter beträchtliche Steigungen aufweist.
Die Ölsandwege kamen mir bekannt vor, auch die Landschaft. Alles erinnerte an die Zielgegend. Der Himmel, die Felder, das Wasser, die Wälder…

Übrigens, wenn es darum ginge, einen Zielort meiner gegenwärtigen Reise zu benennen, so wäre das Mänttä…, so wie es 2006 Vidars Staurancafé auf der Varangerhalbinsel war.

Nach 50 km, in Ylivieska, steuerte ich eine Pizzeria an und bestellte eine Familienpizza Margeritta
mit doppelter Käsemenge. Mengenmäßig inzwischen kein Problem mehr…, ich plante ja, die Nacht durchzuradeln.
Nach 70 km, begann es aber zu tröpfeln und nach den Wolkenbildungen zu urteilen, wollte das ganze Himmelswasser herab.
Ein kleiner Waldweg hochgeradelt und ich konnte auf einer Felsplatte, etwas abseits von der Straße schnell das Zelt aufschlagen und alles trocken halten.
Kaum saß ich drinnen, begann es herunterzuprasseln.
An Schlafen war noch nicht zu denken. Der Körper war durch Anstrengung und Pizza aufgeheizt, der Zeltboden strahlte Wärme ab.
Erst der Regen brachte langsam milde Abkühlung.
Ich erledigte Mail- und Blogpost, schlief für 3 Stunden und wachte kurz vor dem Wecksignal auf.
Kein Regen.
Das trockene Innenzelt schnell „ausgeklipst“, das nasse Außenzelt verpackt – weiter!

Der Himmel klarte auf, es blieb aber noch lange Zeit nass.
Nach einigen Stunden wollte mein Navigaatori, dass ich für 7 km eine bequeme Asphaltstraße verlasse und einen steinigen Waldweg nehme. Ein flüchtiger Blick auf die Übersicht zeigte eine beträchtliche Streckeneinsparung: einverstanden!…, …dass im Wald selbst noch mehrere ähnlich lange Abzweigungen mit ähnlich grober Fahrbahnqualität warteten, habe ich ganz übersehen.
Ich näherte mich balancierend, holpernd dem 5.000 Streckenkilometer, meine aus Klassentouren hochgerechnete Wahrscheinlichkeit, einen Platten zu bekommen, „durfte“ eintreten.
Die Steine, zwischen denen ich jonglierte, waren zum Teil handballgroß.
Bis zur Tennisballgröße schossen sie ständig seitlich von den Reifenprofilen in die Gräben. Begleitet vom Geräusch stark aufgepumpter Reifen, die sich unglaublich zuverlässig daran hielten, der Statistik einen auszuwischen…
Meinem Auto würde ich diese Strecke nicht zumuten wollen, das Rad von „Balance“ in Bochum, dem Radladen meines Vertrauens, der auch auf Artikel für JONGLAGE UND ARTISTIK spezialisiert ist, schaffte die Herausforderung aber, und das noch mehrfach während dieser Endlos-Etappe.

Die Fahrt auf Asphaltwegen, die sehr breit waren und wo auch die Böschungen bis zum Waldrand zum Teil die Straßenbreite überschritten, wurde 6 Stunden lang stark gebremst durch kräftigen Gegenwind, sodass ich eigentlich froh war, auch kleinere, engere Straßen durchzufahren, wo sich der Gegenwind meistens schon in den Wipfeln fing.

Ich wusste, dass ich mich in stark von Bären frequentierten Waldgegenden Finnlands bewege.
Die Berichte von Finnischen Freunden, auch gestern von Veijo,
die Erfahrung von vor 2 Jahren, als ich sehr erfolgreich im Aitojärvi (s. auch kurzer, aktueller „Ferienbericht“ 2013) angelte, in weniger als 2 Stunden große Hechte und Barsche von etwa 13 kg Gesamtgewicht erbeutete und gegen Ende des Abenteuers mehrfach Bärenlosung gefunden habe, ließen mich gelassener werden. Obwohl?…

Nach gut 160 km machte ich in einem Ort mit Supermarkt Halt, verdrückte zuviel süße Kohlenhydrate und wurde währenddessen vor dem Laden mehrfach auf meine Tour hin angesprochen.
Ein unwahrscheinlich schnell nur Finnisch sprechender Ortsbewohner (auf meine Bitte hin, doch langsamer zu sprechen, verdoppelte er gar seine Wortfrequenz!) sagte mir, dass zwei Bären zur Zeit hier Unfug treiben. Einen vertrieb er heute Nacht aus seinem Garten, während der zweite Bär ruhig die Dorfstraße entlang promenierte. AHA! WIE BERUHIGEND!

Nach wenigen Kilometern wurde ich, ob des Süßigkeitenverzehrs müde, kippte fast eine Straßenböschung hinunter.
ALARM!
Sofort, nach etwa 200 m, nahm ich den nächsten Waldweg, fuhr etwa gleich weit hinein, um mein Zelt aufzuschlagen, zu trocknen, und währenddessen innen eine halbe Stunde lang zu schlafen (während des Trocknungsvorganges, hält die Verdunstungskälte die Temperatur angenehm niedrig).
Und die Bären?
Egal, ich Idiot hätte mir ja auch an der Böschung das Genick brechen können!
Nach etwa 40 Minuten ging es weiter. Ich war für die nächsten Stunden richtig ausgeruht.
Weil ich mich bis Ähkäri nicht mehr um die richtige Streckenführung zu kümmern brauchte, rollte es trotz der immer häufigeren Steigungsstrecken dennoch gut.

Was immer wieder irritierte, waren weniger die Bären – einmal meine ich sogar einen gesehen zu haben, ganz sicher bin ich mir da aber nicht – als der immer wieder über kilometerweite Strecken auftretende, beißende Gestank von Pelztierfarmen, die stets im Wald und einige Kilometer außerhalb geschlossener angelegt, menschenlleer, voll automatisch, unter Sichtschutz und mit einer Anzahl von Warnschildern, das Gelände sei nicht zu betreten, Videoüberwacht o.ä. , oder dem riesigen Wachhund, als einzigem auf dem riesigen Gelände freien Wesen ausgestattet, der Blaufuchsproduktion nachgingen. Immer deutlich sichtbar: Futtersilo und Wassertank in einigen Metern höhe über der Erde installiert.
Schon beim ersten Mal hatte ich den richtigen Riecher, die Gestankursache betreffend.
Dass der beißende Geruch so weit trägt, erstaunte mich.
Was den Norwegern die Lachse in den Fjorden, sind den Finnen zwischen Kokkola/Karleby und Ähtäri die Füchse, fiel mir in den Sinn (wegen der schwedischsprachigen Finnen sind die Straßenschilder im Küstenbereich oft zweisprachig). Denn die Geruchswahrnehmung hatte ich auf der genannten Strecke mindestens zehnmal.
Am lästigsten war es, als ich bei Radgesamtkilometer 5628 auf einem Hügel meine gefahrenen 5.000 Tourenkilometer feiern wollte und mir schon mindestens 1000 m davor nicht nach feiern war (deswegen auch das Foto mit zugehaltener Nase).
Das Video mit dem Riesenhund macht alles bildlich. Wer genau hinschaut, sieht auch in den Käfiganlagen spielende Kleinfüchse, denen das Gebell nichts ausmacht…

… Gefeiert habe ich dennoch, ein paar Kilometer später mit einer ausgiebigen Ruhepause.
Ich rief Tuula an, die mich noch abends erwartete, bis sie sich klarmachte, welche Etappe ich mir auflastete.
140 km etwa lagen noch vor mir und ich hatte vor, nachts nur asphaltierte Straßen zu benutzen, was weitere 17 km bedeutete.
„Traust du dir denn das zu?“, fragte Tuula, die auf jeden Fall die Sauna anheizen wollte, auf die ich mich schon seit den vielen Regenkilometern in Norwegen freute.
„Weiß ich nicht, ich bin noch nie soweit geradelt. Falls ich aber müde werden sollte, suche ich mir einen Schlafplatz im Wald unter Bären“, fiel mir da nur ein. Das mit dem Schlafplatzsuchen meinte ich aber ernst.
„Ruf mich an, wenn Du in Keuruu bist, egal wann“, schloss sie das Gespräch.

Die über 30 km bis Ähtäri waren schnell geschafft, da kein Wind mehr herrschte.
Zwischendurch kam ich an einer wunderromantischen Stelle mit rauchender Sauna vorbei.
Leider musste ich weiter.
Nach einer Pause an einer geschlossenen Tankstelle und einem Gespräch mit Zuhause beschloss ich, nur noch soweit zu fahren, bis ein geeigneter Schlafplatz „vom Universum“ gestellt wird.
Die kommenden 107 km schienen mir doch zu lang.
Mein IPad war ziemlich leer, nach der Aufforderung, der Straße 10 km geradeaus zu folgen, schaltete ich es aus.
Ein Schild „Keuruu“ verlockte mich, viel früher abzubiegen.
Plötzlich zischte ein Schild an mir vorbei: 13% Steigung, 7 km lang. Irgendwelche Angaben, welche Fahrzeuge die Sttaße Nr. 621 lieber meiden sollten, folgten.
Quatsch, das ergäbe einen Höhenunterschied von mehr als 900 m. Solche Berge gibt es hier im Süden Finnlands nicht. Weiter!
Der Asphalt hörte auf, Schilder auf Keuruu deutend bestätigten, dass ich richtig bin.
Nach 7 km begannen die Steigungen.
Richtig hart, auf und ab.
Immer wieder.
Und lang.
Und sandig.
Navigaatori an!
„Bitte in 200 m möglichst wenden!“ Ziel 107 km entfernt.
Schock!
Mein Navigator springt um: „Bitte dem Straßenverlauf 33 km folgen“.
Entfernung zum Ziel 69 km.
Inneres Aufatmen. Zunächst, ob der Kürze der Reststrecke.

Ich habe mich doch tatsächlich von selbst auf die Sandstrecke locken lassen, die ich vermeiden wollte und steckte mitten drin.
Ganz allein.
Ach ja, die Bären!
Die Kerle waren hier womöglich auch, fanden die Strecke vielleicht sogar bequemer als den Wald.
Und dann kam ich mit meiner Lichtflut von Superreflektor und Helmstrahler und vertrieb sie.
Arme „Kerle“.
Nicht einmal nachts hat man Ruhe vor den Menschen!…,
…Komisch, überhaupt keine Angst mehr.
Hätten mir die Bären was gewollt, so hätten sie mich nach über 300 km in den Beinen – und auch sonst – jederzeit und überall in der Sandwüste stellen können.
Schön, dass es sie noch gibt…
Ich sah in den Lichtkegeln im Wesentlichen nur die 100 m Sandstrecke vor- und den Wald neben mir.
Und die „Leuchtaugen“ reflektierender Straßenbegrenzungsstäbe, die wahrscheinlich im Winter den Räumungsfahrzeugen halfen, den Straßenverlauf zu finden.
Ich arbeitete stundenlang.
Kurze Asphaltierungen, Schotterstrecken, seitlich Felsen.
Kein Platz und jetzt auch kein Gedanke mehr an das Zeltaufschlagen.
An die Steigungen gewöhnte ich mich.
Zwischendurch blieb ich stehen, schaltete alle Lichter aus und hörte in der Dunkelheit in die Stille der Nacht hinein.
Einfach so.
Erholung.
Weiter.
Alle Abfahrten fuhr ich, weil ich ganz sicher müde sein musste, ohne es richtig zu merken, mit höchstens 15 km/h herunter. Vereinzelte Gehöfte kamen, vielleicht nur Ferienhütten. Hundegebell immer wieder.
Einmal waren Hunde lose. Den Hügel „zischte“ ich herunter.
Es wurde langsam hell, ein über lange Zeit lauter werdendes Geräusch entpuppte sich als das einzige Fahrzeug, das in dieser Nacht an mir vorbeifuhr.
Asphalt.
Bushaltestellen.
Bushäuschen: 30 Minuten Tiefschlaf, ausgestreckt auf der Bank.
Aufwachen kurz vor dem präparierten Wecker.
Die letzten 30 km durch eine nebelgepolsterte Morgenlandschaft fielen mir schwer. Eine kleine Pause im nächsten Bushäuschen, etwas Nahrung.

Angekommen, um 7.00 Uhr, gut 38 Stunden nach dem Start.
Herrlich!
Ferien!

Der Schock beim wiegen meines Gepäcks : Mit reichlich Proviant schleppte ich fast 40 kg mit mir.

Ich baute mein Zelt auf.
Die finnischen Häuser sind mir im Sommer oft zu warm.

Geschlafen habe ich dann von 11-13 Uhr und wachte ohne Wecker auf.
Die Müdigkeit in den Beinen hielt sich aber noch stark.
Kleine Radtour ins Stadtzentrum, dann Pressebesuch auch bei meinen Freunden.
6 kg Gepäck – vieles hat sich auch angesammelt – wurden nach Hause verschickt.
Mindestens vier kg Proviant weniger sind jetzt nötig, ich bin ja wieder in dicht besiedelten Gebieten…

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Film: Fuchsfarm