Die 268 km vom Hochsitz über Kemi und Oulu bis zur Raija und Veijo Käpylä in Kilpua

Um 6 Uhr setzte ich die Fahrt im Sonnenschein fort. Nebelbänke lösten sich auf. Die Luft war noch feucht.
Drainagegräben verdeutlichten immer wieder (auch schon während der Reise durch Norwegen), dass es sich bei den Feldern im Norden häufig um ehemalige Moore handelte, die sich, erst trockengelegt, für die Landwirtschaft erschließen ließen.

Wie schon bei meiner ersten Radtour durch Skandinavien, so sah ich auch diesmal immer wieder Verkehrsopfer aus der Tierwelt am Straßenrand liegen, die der schnellen Technik nicht gewachsen waren oder vom Fernlicht der „Nachtfahrzeuge“ geblendet wurden und nicht mehr auszuweichen vermochten: Eulen, Hasen , Singvögel, Füchse , Eichhörnchen und andere.

Der Kurs blieb „brettflach“ die Straßen vorzüglich.
Traumhaft.
Kemi war schnell erreicht.
Die für Radler nicht zugelassene Autobahn zu meiden, fiel nicht schwer, die alten Verkehrsverbindungen wurden, im Gegensatz zur in Norwegen häufigen Praxis, nicht aufgegeben.

Hannu (Hans) aus Kokkola/Karleby, ein Lehrer für Querflöte (sprach auch Deutsch, das er bei einem aus Leipzig stammenden erwachsenen Schüler „gelernt“ hat) pumpte gerade Luft in das Vorderrad seines Fahrrades. Jetzt in den Ferien machte er hier Urlaub, hielt sich mit dem Radtraining fit.
Die Waldorfpädagogik war ihm bekannt. Gern wäre er auch Musiklehrer an der Waldorfschule geworden, es hat sich aber leider nicht ergeben…

Bei der Weiterfahrt übersah ich einen Hinweis auf den Radweg nach Oulu und fuhr 20 km „blind“ in die falsche Richtung.
Zwei Stunden Zusatzarbeit.
Zwei Stunden später am vielleicht erreichbaren Ziel.
Ärgerlich!..
Bei schönstem Wetter an geschmackvoll gebauten Häuschen vorbeiziehend, erreichte ich Oulu und war völlig angetan von der Radlerpräsenz.
Es war Sommer, es war warm, dennoch, die Radfahrer waren nicht nur deswegen und nur zufällig auf der Straße…
Soetwas würde ich mir für Bochum auch wünschen, eine Radlerkultur neben dem motorisierten Straßenverkehr mit breiten Radwegen und mit einer Radlerdichte, wie ich sie sonst nur aus den Niederlanden kenne (Münster ist eine positive Ausnahme). Obwohl ich nicht direkt durch das Zentrum fuhr – ich war lange nicht mehr hier – gefiel mir die Stadt sehr. Nach den Aufenthalten in menschenleeren Gegenden der letzten Wochen war es sehr ungewöhnlich, wieder in einer Großstadt zu sein (Oulu ist die nördlichste Großstadt der EU).
„Gewöhnlich“ würde ich selbstverständlich hier bleiben, Küstenflair und Wetter genießen.
Obwohl ich schon 150 km geradelt bin, wollte ich aber noch weitere 100 km zurücklegen, um jemanden zu besuchen, der über den Umweg des Weihnachtsmanndorfes bei Rovaniemi nach 16 Jahren ganz unerwartet in meinen Bekanntenkreis getreten ist. Ich legte die Strecke der Tour nicht ganz zufällig in die Gegend, freute mich aber sehr, dass ich nun, nach einigen Telefonaten und „Geschäftsaktivitäten“ im 18. Jahr etwa eine Woche vor Tourstart eingeladen wurde, „unbedingt“ vorbeizukommen…
Kurzes Telefonat: Raija Käpylä, eine ganz besondere Künstlerin, erwartete mich mit ihrem Mann Veijo (den ich noch nicht kannte), ein ganz besonderer Künstler, selbst nachts…,
…wenn ich es mir zutraute, diese weite Strecke noch zu schultern.
Ich wollte ja schon am Nachmittag des nächsten Tages weiter, um in Mänttä/(Palsina) anzukommen, dem eigentlichen Ziel meiner Reise: WEITER!

Etwa 40 km vor Kilpua, in einer völlig menschenleeren Gegend Riesengaudi: der Samstagstanz in einem Tanzsaal nahe am Strand. Hunderte Menschen. Der Parkplatz überfüllt.
Erwachsene Menschen jeden Alters strömten geradezu in Richtung der deutlich zu vernehmenden Tanzmusik.
Finnland, Tango, Modernes: wie schon 1980 erlebt, Menschen von 18 – 80(+), fein aufgeputzt, kamen her, um zu tanzen, die fetten Grillwürstchen mit dem unmöglich süßen Senf zu genießen, schwaches Bier zu trinken, zusammen zu sein. Stärkere Getränke (nicht im Ausschank) wurden bei Sommerfesten meiner Zielgegend in den letzten Jahrzehnten immer etwas heimlich aus kleinen Fläschchen bei geöffneter Kofferraumklappe „genossen“.
Ich nehme an, dieser „Brauch“ dürfte sich auch hier bis heute erhalten haben…

Um Mitternacht war der Himmel schon recht dunkel, ich aber noch lange nicht am Ziel.
Da in Kilpua, einem „Ort“ in der Nähe von Oulainen, mit im Umkreis von 5 km nur etwa 30 Einwohnern, viele Feldwege verschiedene Streckenführungen ermöglichen,
meine IPad -Batterien fast leer waren und eine günstige Streckenbeschreibung ungelesen in meiner Elektropost schlief, fuhr ich in stockdunkler Nacht mit einer Autobeleuchtung fast ebenbürtigem Licht in einen vom Navigationsgeraät als Radweg ausgewiesenen Pfad hinein.
Er war der Kürzeste zum Ziel.
Von wegen!
Ich musste umkehren…

Nachts um ein Uhr war ich endlich da.
Der Empfang war äußerst herzlich, das Abendessen für mich vorbereitet.
Obwohl uns die Augen fast zufielen, sprachen wir noch bis drei Uhr miteinander…,
…Ach ja, die Dusche war nach 268 Kilometer ein Traum…, die von Veijo aber für früher vorgeheizte Sauna längst abgekühlt, die frisch geschnittenen Birkenreiser vertrocknet.
Anteeksi, ystävät!, das nächste Mal werde ich mich bestimmt nicht so peinlich verspäten…

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