Syltefjord-Hamningsberg-Vardø/Mitternachtssonne

Durch die 20 km Seepassage nach Hamningsberg trennen mich von Vardø nur knapp 50 km.
Sonst müsste ich 350 km(?) hinradeln…

Gepackt.
Letzte Waffel von Vidar genossen.
Abschied.

Syltefjord hat sich verändert. Vidars Café liegt mittlerweile durch seine vor über 20 Jahren gepflanzten und umsorgten 200 Birken fast im Wald…
Jan Petter (Buch S. 161), früher „Inventar“ des Staurancafé, ist vor fast zwei Jahren, zwei Monate nachdem wir uns gesehen haben, ganz plötzlich mit 62 Jahren verstorben.
Er fehlte mir hier.
Ich knüpfte aber auch neue Bekanntschaften.
Mit Erik.
Mit Eeva.
Mit Peep aus Estland (er hält im vorgehenden Bericht das Reiselogo in der Hand), mit dem ich mich sowohl auf Russisch als auch auf Finnisch verständigen konnte, Englisch war gar nicht nötig. Dank seiner Fürsorge, komme ich in den nächsten Tagen recht weit mit gebratenen Fischfilets…
*
Ørjans Schnellboot hat über 260 PS und kann 40 Knoten schnell sein.
Für die Passage ist sein Angestellter Mats zuständig, er ist bloß zweiter Mann.
Heute wird der zweite Mann dringend nötig sein…
(Fortsetzung unten)

Zwischenbemerkung
Die Bibliothek in Kirkenes hat sehr schnelles Internet.
Da ich in den nächsten Tagen in Finnland evtl. noch kein Internet habe, will ich wenigstens schon Bilder liefern:
von einer bewegten Seefahrt nach Hamningsberg,
von der kargsten Landschaft Skandinaviens, während der Flucht vor einer riesigen Gewitterfront,
von der dichtesten Ansammlung von Multbeeren, die man sich jenseits eines Marmeladeglases vorstellen kann,
von traumhaften Bildern der Mitternachtssonne an ihrem letzten Tag des Jahres in Vardø während einer über einstündigen Wanderung entlang des Horizontes,
Vom ältesten Schiff der Hurtigruten, das mich von Vardø nach Kirkenes brachte, der 49 jährigen MS LOFOTEN, von der Tonnage her etwa ein Siebtel so groß wie die modernsten Schiffe, von der Schiffsromantik aber unübertroffen.
Wegen des veränderten Wasserstandes war der Landgang kompliziert.
Die nette Journalistin Mariann interviewte mich im Hafen, um mich dann per PKW zur Bibliothek zu eskortieren, dass ich mich jetzt mitteilen kann. Bis später, wenn mich die Bären nicht gefressen haben…

Ach ja, wenn mein Webmaster Robert (VIEEEELEN DANK!) zeit hat auch noch Kurzvideos zu verlinken, so werden die Eindrücke noch realistischer, auch wenn sie dem Naturerlebnis kaum auch nur nahe kommen…

(Fortsetzung)!
Zunächst ruhige Überfahrt, bei 20 Knoten nur halber Treibstoffverbrauch, so Ørjan zu der technischen Seite seines PS-Paketes.
Gewitterfront von Westen, teilweise 3 Blitze gleichzeitig zu sehen. Wind, Wellen nach 10 km 2-3 m hoch. Starke Schläge, wenn Boot vom Wellenkamm kommend „am Wasserboden“ aufschlägt, muss mich festhalten, fotografieren kaum möglich. Der Vogelfelsen ist zwar leer, die Vögel sind aber noch nicht fortgezogen. Sehe einzelne Baßtölpel, die neugierig herbeischauen…
Etwa 5 km vor Hamningsberg soll es die gefährlichste Stelle im gesamten Osten dieses Barentsseeabschnittes geben, weil sich bei Wind und auflaufendem Wasser ganz plötzlich Mahlstromstrudel bilden, erfahre ich nach dem Abenteuer. (hätte ich davon vorher gewusst, so hätte ich mich wohl gar nicht getraut, die Passage zu buchen)
Wir geraten etwa zwei Kilometer lang in einen solchen scheinbar nie aufzuhören wollenden Mahlstrom. Rechts in Sichtweite Hamningsberg, links das Gewitter und wir mitten drin im Spiel der inzwischen 4 oder 5 Meter hohen Wellen, die absolut unregelmäßig von rechts, links oder von vorne auf Boot aufschlagen, es zu „verwringen“ drohen, es heben, senken, in Stößen zur Seite schlagen. Mats steuert, Ørjan gibt in sekundenbruchteilen Gas oder bremst. Innerhalb von Sekundenbruchteilen haben wir 1-2 Knoten oder 15 Knoten drauf und fahren endlos Slalom, die Bootsspitze immer auf die nächste Welle ausrichtend. Ich halte mich inzwischen mit beiden Händen fest, ans Fotografieren nicht zu denken. Mein Sitzplatz ist nass, die Hose durchnässt, das Rad und Gepäck, von einigen Wellen besucht, nass.
Interessant, dass meine Fährleute den Job ganz cool abwickeln, unheimlich gut aufeinander eingespielt sind und, sich dabei beständig auch noch unterhalten, ohne das Lachen zu vergessen…
Kaum sind wir aus dem Strudel raus, ist das Meer wieder ganz freundlich, die Wellen nur noch einen Meter hoch. Statt einer halben, benötigten wir fast eine Stunde für die Passage.
Der Ausstieg ist etwas kompliziert, eine kleine Kletterpartie. Die Jungs sind aber kräftig. Alles kommt oben unbeschadet an.
Als ich Vidar vor 20 Jahren kennenlernte, hatten wir auch im 4,5 m Boot 4,5 m hohe Wellen. Es waren aber Dünungswellen, 3 Tage nach einem Sturm. Auch nicht ungefährlich, aber kein Vergleich mit den von mir nun „überlebten“.
Kurzer Abschied, lachend schippern Mats und Ørjan dann zurück, durch den Mahlstrom, auf das Gewitter zu.
Nächstes Jahr kauft Ørjan ein weiteres Boot hinzu.
Sein Geschäft mit dem Nervenkitzel boomt…
*
Ich lade schnellstens alles auf und mache mich auf den Weg.
Hamningsberg wirkt auch im Sommer recht verlassen, ein Rudel von vielleicht einhundert Renen bewohnt den Ort gerade und fühlt sich von meiner Anwesenheit kaum gestört. Deutsche bauten hier während der Besatzungszeit Straßen und Geschützbatterien. Reste der Militäranlagen sind noch vorhanden.

Ein Jugendroman von Cor Bruijn „Am äußersten Ende der Welt“ spielte hier. Meine Schüler haben das Buch 1994 in der 7. Klasse fast verschlungen.
Bruijn starb 1979 mit fast 96 Jahren. Er war in den Niederlanden und in Deutschland Mitte des vergangenen Jahrhunderts sehr bekannt, auch als Reformpädagoge, schrieb etwa 50 Bücher (auch für Erwachsene). Manche wurden verfilmt. In Lappland spielen auch „Lasse Länta“ (Kinderbuch) und „Das weiße Ren“(Erwachsenenbuch). Bruijn war selbst nie nördlicher als in Stockholm, beschrieb aber alles „realistischer als in Wirklichkeit“, so bekam er es oft bestätigt…
Mit seiner Tochter (auch Schriftstellerin und Übersetzerin von Romanen von O.Preußler), die vor einigen Jahren mit 94 Jahren starb, haben wir uns sehr angefreundet. Sie besuchte uns auch einmal in Bochum (auch unsere Schule).

Ich eile sehr, das Gewitter jagt mich und stellt mich schließlich doch, am Rande.
Die Gegend ist äußerst karg. Viele neue Fjellhütten säumen den Weg.

Die Multbeerfelder sind einfach unbeschreiblich, die Tunneldurchfahrt unkompliziert und Vardø verregnet.
Es regnet… bis ich am Hafen ankomme.
Kein Regen.
Bin ziemlich ausgepumpt… Muss meine vorbereitete, seit Stunden überfällige Mahlzeit angehen.
Da kommt sie, die letzte Mitternachtssonne des Jahres in Vardø, am 28. Juli und wandert für etwa 90 Minuten den Horizont entlang. Danach wird sie von Wolken „verschluckt“.
Welch ein Glück am letzten Tag der Norwegenreise…
Dann auch noch das Sahnehäubchen am Morgen, die MS LOFOTEN.
Ich möchte die Alte Dame unkommentiert lassen…

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Film: Syltefjord-Hamningsberg-Vardø:Mitternachtssonne
Film: Syltefjord-Hamningsberg-Vardø:Mitternachtssonne_2
Film: Syltefjord-Hamningsberg-Vardø:Mitternachtssonne_3