Berlevåg Daniela und Dieter/Die Kamtschatkakrabbe: Fluch oder Segen?

1982 „verirrten“ sich Dieter und Daniela Salathe, zwei Schweizer Motorradfahrer erstmalig nach Berlevåg.
Die Eindrücke, die damals das von der Einwohnerzahl her noch deutlich größere Dorf und das ihnen völlig unbekannte Tanahorn hinterließen waren so stark, dass sie 1989 in der Schweiz endgültig ihre Koffer packten, um bis 500 km „hinter das Nordkap“ in einen norwegischen Ort mit zwei Jahreszeiten, dem weißen und dem grünen Winter, wie Dieter es mir gegenüber einmal nannte, hinzuziehen.
Sie hielten sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, arbeiteten meistens in der Fischindustrie. Berlevåg „lebte“ hauptsächlich davon.
1993 betrieben sie das Velferdcafé mitten im Ort, in dem Daniela den vielen Besuchern immer ausgefallenere Kuchen- und Tortenspezialitäten anbot.
Schon 1994 machten sich die Salathes jedoch selbständig, indem sie auf die Tourismusbranche setzten und unweit des Hafens, in Sichtweite der ankommenden Hurtigrutenschiffe einen Campingplatz eröffneten. Ein komfortables Appartementangebot, dass auch im Winter genutzt werden konnte, gehörte mit dazu. Ihre Lebensgrundlage war durch diesen Glücksgriff gesichert und schon bald konnte Daniela, gelernte Glasbläserin, nicht nur nebenbei ihrer künstlerischen Ader nachgehen und die Ergebnisse ihrer Passion Touristen wie den Ansässigen anbieten, während sich Dieter hauptsächlich um den Campingplatz kümmerte, Berlevågs touristische Chancen auslotete und in der Komunalpoltik aktiv wurde.
Ihre Aktivitäten im Zusammenhang mit der Erschließung des Tanahorn wurden von mir bereits im vorgehenden Bericht ausführlich beleuchtet.

Schon bald wurde Danielas provisorische Werkstatt zu klein, bzw. Ihr Erfolg zu groß. Professionalisierung war angesagt.
Die Schweizer erwarben in Ortsmitte ein weiteres Haus und ließen es von Norwegens Stararchitekten Stein Halvorsen umgestalten. Unten fand 2006 Danielas Werkstatt und das „Arctic Glasstudio“ Platz, im oberen Stockwerk richtete Anne Jorun Kjær neben Oslo eine weitere Wirkungsstätte von „Nordic Visions And Villa Borealis“ ein.
Daniela entwickelte ihren „Arctic Style“, spezialisierte sich auf Motive aus der umgebenden Natur wie der samischen Kultur.
Unter Berücksichtigung der Lichtwirkung des 70. Breitengrades im Laufe der Jahreszeiten, entwickelte sie eine filigrane Technik, mit der ihre Produkte oft 10-12 Bränden unterzogen werden, um die Geheimnisse zu offenbaren, die die Künstlerin in ihnen aus Erfahrung erahnt.
„Zufälle sind immer interessant“ sagt Daniela, als ich danach frage.
„Zu erforschen, wieso und wie Glas auf eine bestimmte Behandlung reagiert, mit der Natur zusammenzuarbeiten, statt gegen sie, neue Erkenntnisse zu verwerten: das macht einen Großteil meiner Leidenschaft aus“, ist sie überzeugt.
Zu Danielas Kunden gehören die Lokalbevölkerung, Geschäftsleute, Sportvereine, Touristen und andere.
Stolz präsentiert sie mir einen Satz Siegertrophäen „in Arbeit“ mit – meiner Einschätzung nach – „Motiven aus schamanistischer Tradition“ für ein sehr bekanntes Mountainbike-Etappenrennen in der Finnmark.
Bilder ihrer Produkte im Verkaufsatelier und der Werkstatt habe ich bereits in meine „Liebeserklärung“ für das Tanahorn eingefügt…
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Dieter ist der Statistiker der Familie. Mit ihm spreche ich abends ausführlich über die Entwicklung der Region und Berlevågs seit 1993, als wir hier im Sommer „einschneiten“ just am Vortage des offiziellen Antrittsbesuchs von König Harald und Prinzessin Sonja.
Den Rahmen der königlichen Visite gestalteten wir ungeplant in aller Ausführlichkeit mit, weil uns der Nebel am Morgen bei der Erstbesteigung des Tanahorn deutlich länger am Gipfel aufhielt und wir aus Berlevåg für Stunden gar nicht mehr herauskamen, wegen der Ausnahmesituation im Ort mit polizeilicher, sicherheitsdienstlicher und journalistischer Überpräsenz.
Zwischeneinfügung für Historiker
Berlevåg, Båtsfjord und Hamningsberg waren wegen ihrer Nähe an den Fischgründen in Zeiten ohne Motorboote zentrale Fischereiorte Norwegens. Hier stauten sich zur Kabeljausaison in den Häfen und an Land bis zu tausend Boote der aus dem „Süden“ zugereisten Lofotenfischer, die zum Teil unter ihren umgedrehten Booten übernachteten.
Der Walfang war ein weiteres wirtschaftliches Standbein der vergangenen Jahrhunderte.
Der Pomorhandel mit Archangelsk und dem zaristischen Russland mit -verkürzt- „Austausch von Fisch gegen Mehl und Holz“ boomte.
Berlevågs Hafen wurde aber immer wieder von den Januarstürmen der Barentsee zerstört. Um Ihn zu befestigen, „kippte“ man im Laufe der Zeit – vom Volumen her – mehr Felsen ins Meer als die Pyramiden von Gizeh.
Nutzlos.
Erst Ende der 1970er Jahre war das Dorf endgültig(?) sicher. Durch Tausende mehrere Meter hohe Tetrapoden in spezieller Betonmischung hergestellt, welche sich – ins Meer geworfen – so in sich verkeilten, dass sie von der stürmischen See nicht mehr verschoben werden konnten. Der Hafen wurde befestigt.
Kein Wunder, dass Tetrapoden zum Wahrzeichen Berlevågs wurden…

1993 hatte Berlevåg etwa 1400 Einwohner, die Nachbargemeinde Båtsfjord mit dem größten Fischereihafen Norwegens etwa 2500.
Gegenwärtig hält sich die Bevölkerung Berlevågs seit Jahren auf einem Niveau von etwa 1050, die von Båtsfjord auf etwa 2000 stabil.
Die Region wurde nicht nur im Zusamenhang mit der Entwicklung der Fischereiflotte weltweit von Krisen geschüttelt. Hamningsberg und Syltefjord, in dem ich die letzten Berichte verfasse, blieben dabei als „winterfeste“ Siedlungsorte auf der Strecke. Syltefjord vor 25 Jahren, Hamningsberg bereits 1965. Der Ort liegt in Luftlinie etwa 20 km von Syltefjord entfernt (40 km westlich von (Vardø) und liegt gegenüber dem Syltefjordstauran, einem der Artenanzahl und der Gesamtzahl der Individuen nach größten Vogelfelsen Nordeuropas.

Die Kamtschatkakrabbe oder Rote Königskrabbe
(Meine Kenntnisse wurden hier beträchtlich durch das Gespräch mit Dieter „aktualisiert“).

Gerade in den letzten 20 Jahren wurde ein großes ökologisches Phänomen deutlich: Die in Stalinistischer Zeit in der Gegend um Murmansk zur Ernährungssicherung der Sowjetischen Bevölkerung angesiedelte, ortsfremde Kamtschatka- oder Königskrabbe (Scherenspannweite bis 1,80 m Gewicht bis 12 kg) begann sich unkontrolliert nach Westen auszubreiten.
Die Fischgründe wurden dadurch enorm belastet, die Kinderstube ortsansässiger Fische erheblich dezimiert, Fischarten verschwanden. Nach der Nordkappassage breitete sich die Krabbe ungehindert Richtung Süden aus. Norwegen war in Aufruhr, die Frage, wann die Krabbe die Nordsee erreicht, naheliegend. Vor einigen Jahren wurde eine neue Industrie, der Krabbenfang etabliert, zunächst ohne Quotenregelung.
Das war auch eine neue Chance, denn das äußerst schmackhafte und begehrte Krabbenfleisch brachte viel Kapital ein. Berlevåg und Båtsfjord, viele Jahre in absoluter Krise steckend, erfuhren und erfahren beständig einen für unmöglich gehaltenen Aufschwung.
In Berlevåg fanden sich Investoren, die neue Fischfabrik/Krabbenfabrik(?) boomt.
„Die zwei verbliebenen Fischfabriken Båtsfjords verarbeiten 2013 genauso viel Rohware wie die ehemals acht Betriebe“, sagt ein ehemaliger ortsansässiger Fischer.
Das Ende des Krabbenphänomens ist 2013 noch längst nicht absehbar, der gegenwärtige Stand ist folgender:
Westlich des Nordkap darf weiter offener Krabbenfang ohne Quotenregelung betrieben werden, um den Krabenbestand zu dezimieren und die Ausbreitung der Krabbe in Richtung Süden zu stoppen.
Östlich vom Nordkap führte man nach zwei Jahren „freier Bewirtschaftung“ eine Quotenregelung des Krabbenfangs ein, um deren Bestand auf einem wirtschaftlich nutzbaren Niveau zu halten.
Erste, Erfolge scheinen sich einzustellen: Trotz der noch vorhandenen und wirtschaftlich inzwischen immens wichtigen Krabbenpopulation, erholen sich auch die Fischbestände ganz allgemein. Die Bestände von Dorsch, Schellfisch, Köhler haben sich stabilisiert. Selbst Schollen kehren wieder zurück.
Die Bevölkerung von Berlevåg und Båtsfjord schrumpft nicht mehr. Im Gegenteil, man sucht dringend nach Arbeitskräften. Viele PKW mit litauischem Kennzeichen sind in Berlevåg in der Sommersaison auszumachen: PKW von Gastarbeitern, die hier leicht einen Job auf Zeit finden, aber in der Bevölkerungsstatistik (noch) gar nicht auftauchen.
Lust auf etwas Neues?…

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Als ich vom Tanahorn zurückkehrte, war in „Salathes“ Paradies übrigens kein Zimmer für mich mehr frei.
Kein Problem, Dieter bot mir Platz im Geräteschuppen an. Dort fand ich genügend Platz, um mit Rad unterzukommen, mein Gepäck neu zu sortieren, alle meine stromabhängigen Gerätschaften aufzutanken und die Bilder vom Tanahorn zu laden.
Ach ja, ein Bett bereitete ich mir auch, oben zwischen den als Reserve gelagerten Markierungsstangen für den Weg zum TANAHORN.
Danke, liebe Salathes, bis zum nächsten Mal…

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