Kristiansund – Bjugn II/Urlaub

Für Statistiker:
Wenn meine Radtour planmäßig zu Ende geht, werde ich etwa 3,5 (!) Millionen Pedalumdrehungen durch Nordeuropa gemacht haben, den Mount Everest (in Höhenmetern gerechnet) mehrfach bestiegen haben, über zwei Monate hinweg etwa soviel Kalorien aufgenommen haben, wie fünf Erwachsene im gleichen Zeitraum.
Die gestrige Strecke Kristiansand-Bjugn ist mit genau 250 km die längste und schwierigste planmäßig zurückgelegte Einzelstrecke, die ich bislang jemals mit Reisegepäck auf dem Rad durchmessen habe. Pedalumdrehungen dabei – etwa 83.000. Dauer mit Erholungspausen – 30 Stunden. Höhenmeter insgesamt – einige tausend.

{längste Strecke 2006: 230 km.
Längste Strecke überhaupt: 258 km in 13 Stunden (In der Nacht zum 30. Juli 1979 bei „Tour de Chance“, einem Wettbewerb des WDR (ohne Gepäck mit einem 16 kg schweren und 200 DM teuren „Rennrad“ mit 14 Gängen von Karstadt.))}.

Mein neues Reiserad wiegt mit Spezialausstattung 16 kg. Es hat auch 14 Gänge. Diese sind aber mindestens vergleichbar mit 27-30 Gängen gewöhnlicher Rennradschaltungen und kommen mit nur 2 Zahnkränzen und einer Kette (hoffentlich) aus. Streckenkilometerstand jetzt: 1684.

Im Buch zur Radtour 2006 schrieb ich Eingangs: „das Fahrrad, 16 kg… …sieben Radtaschen und drei Handgepäckteile, 30 Kilo Ballast und ich 174 cm groß, 65 kg schwer und 52 Jahre, fünf Monate und 20 Tage alt – auf dem Weg zum Flughafen nach Köln“.

Für 2013 würde gelten: Das Fahrrad, 16 kg, 6 Taschen, 21 kg Ballast (plus 7 kg Proviant) und ich, 174 cm groß (habe am 19.06. morgens nachgemessen), 66 kg schwer und 59 Jahre, fünf Monate und 15 Tage alt…

KRISTIANSUND – BJUGN II
Der Regen hörte auf. Ich setzte meine Fahrt um genau 2.30 Uhr fort.
Zwar sah ich beim Hinausspähen während meiner Notizen vor der kurzen Schlafpause (Nachthelligkeit!) keine Hirsche. Ich wusste sie aber um mich herum, wegen ihrer ständig erklingenden Verständigungslaute, etwas an das „Bellen“ der Rehböcke erinnernd, jedoch sanfter, „heiserer“, leiser. Als ich aufbrach, wechselten zwei der Hirschdamen etwa 50 m vor mir ganz langsam die Straßenseite vom bewaldeten Stück oberhalb zum offenen Wiesengelände unterhalb der Straße. Sie entfernten sich dann schnell in ihrem typischen, von mir als „äußerst elegant“ empfundenen Hirschtrab, der mir schon gestern (vor 3 Stunden) auffiel.
in der folgenden Stunde ließen sich noch etwa 10 Hirsche blicken.
Einmal auch ein männlicher Vertreter der Familie als Einzelwanderer mit gerade im Wachstum befindlichem, etwa 30 cm herausragenden „Bastgeweih“ – so heißt es, glaube ich.
Als die Kamera fertig war, verschwand der Herr im Walde…
Fortsetzung weiter unten…

Aktueller Anlass: Zwischenausflug nach Bochum/ Das Wetter
…“Zum Sandstrand gequält“…, …“Bochumer kämpft bei seiner 10.000 Kilometer-Radtour mit extremen Bedingungen“…, …“eine einzige Qual“…, …“übelstes Regenwetter…, …alles, was ich anhatte, war durch Schwitzen und die „Wasseraußenwäsche“ durchnässt“…,
las ich im Artikel der Ruhr Nachrichten vom 29. Juni, der mir netterweise per Mail vom Verfasser zugeschickt wurde.
So kann man es sehen. Berechtigt. Von außen.
In dieser mentalen Gesinnung sind aber die Chancen eine Tour zu bewältigen, wie ich sie mir bewusst auch für 70 Tage Regenwetter vorgenommen habe, gleich Null.
So meint es Herr Mund nicht.
Ganz sicher nicht.

Ich kenne die Wetterbegebenheiten in Nordeuropa aus 34 Jahren Reiseerfahrung.
Ich weiß um die meisten Schwierigkeiten. Unsere seit 1987 verwendeten Zelte überstanden auch schwere Stürme. Alle fünf (!) sind noch einsatzbereit, eines aktuell und auch vor 7 Jahren.
Ich kenne meine körperlichen Leistungsmöglichkeiten in Extremsituationen von der Radtour 2006 her. Sie jetzt, auf anderer Trainingsstufe abrufen zu können, ist mir eine große Hilfe.

„Quälen?“ – niemals.
„Gegen etwas ankämpfen? – niemals.
„Verzweifeln? Wieso, ich wusste doch, was mich erwarten kann.

„Inneren Schweinehund überwinden?“ Wenn man sich ihn einbildet, muss man dies vielleicht, es gibt ihn aber nicht in der Realität. Niemals.

Von den ersten zwei Wochen meiner Tour waren wohl 11 Tage recht verregnet.
Norwegen ist auch im Regen wunderschön. Traumhaft schön. Nicht nur Norwegen. Auch Bochum. „Tief im Westen…“.

Den folgenden Kurzausflug in die Funktionalkleidung darf man auch überspringen, vielleicht öffnet er aber auch den Blick auf technisch Machbares.
Es ist im Prinzip wie mit dem KRAFT-POWER-USW-MÜSLI-FRUCHt-RIEGEL: Man erfindet, entwickelt, verbessert, verfeinert ihn immer weiter…, bis er wieder zur Banane wird…

Zwar kann man bei einer Art des Vorankommens, wie ich sie wählte, jede Art von Gore-, Sympa-, „Werweißwas-tex“, „-plex“ -oder wie auch immer die pfiffigen Werbetexter ihre Faser, Membran usw. mit phantastischen physikalischen Koeffizienten die Verdunstungsmöglichkeit usw.,usw. betreffend nennen VERGESSEN.
Die rote Regenjacke, mir für die Radtour empfohlen, mit 15.000 g Wasserdampfdurchlässigkeit je Quadratmeter in 24 Stunden (besseren Wert gibt es wohl weltweit nicht) – kann man auch vergessen.
Im Stehen – Klasse! Im Fahren mit Rad und Gepäck ist man – bei jedem Wetter – nach 1 km Anstieg mit 10% Steigung klitschnass. Die Feuchtigkeit/Schwitzwasser trieft aus den Ärmeln, klebt am Rücken, macht sich immer unangenehm bemerkbar. Die Jacke verhindert doch das Schwitzen nicht. Hinsichtlich der Funktionskleidung für Sport und Freizeit kenne ich mich gut aus und bin nicht erst seit 7 Jahren bestens versorgt. Auf das richtige Unterzeug, die „Warmhaltequalität“ bei Regen, die Winddichtigkeit, Trocknungsverhalten, Beschichtungsart, je nach Material, „Wohlgefühl“ auch bei völlig durchnässter Faser und vieles mehr – auch individuell bedingt – kommt es wesentlich an.

WAS TUN?
Sich mit best sinnvoller Ausrüstung ausstatten (auch Teures kann sehr preiswert sein).
Sich auf das Abenteuer einlassen.
Die Umstände akzeptieren.
An den „Widrigkeiten(?)“ wachsen.
Sie mit finnischem SISU ertragen.
Erfahrungen als neue Möglichkeiten für Andere weitergeben…

Fortsetzung KRISTIANSUND – BJUGN II

Um 4 Uhr Regen.
Richtiger, heftiger Platzregen, wie er in den zwei Wochen noch nicht vorgekommen ist.
in Sekunden aufgebaut, bindfadendicht, fünf Stunden anhaltend. Ich schaffte es nicht einmal Regenjacke und -hose überzuwerfen. Die durchnässten Füße wurden nach beim nächsten Bushäuschen mit nassen Socken und mit Plastiktüten versehen in die Klickschuhe gesteckt. Ein paar trockener, wärmender Membranhandschuhe vervollkommneten den Luxus.
Eine soeben frisch aufgebrühte Kanne Schwarztee mit Restwasser aus dem Eikesdal, welch ein Geschenk- DANKE, liebes Bushäuschen!
Butterbrote für 2 Tage gestern fertig vorbereitet – Erfahrung.

Pausenlos Aufstiege und Abfahrten von mehreren hundert Höhenmetern, in der Regel 1 – 5 km lang.
Wirklich gefährlich: die Abfahrten.
Die schlechten Fahrbahnen waren an den Rändern sehr häufig und besonders in Kurven
geschädigt von meterlangen, manchmal Hunderte Meter langen Längsrissen von bis zu 10 cm Breite und Tiefe.
Folge: Höchstgeschwindigkeit höchstens 30 km/h, absolute Aufmerksamkeit, besonders beim Abbremsen.
Einige Erholungspausen mit kurzen Tiefenentstspannungen zwischendurch und um 14.05 Uhr war nach 214 km die Fähre von Valset nach Breckstadt erreicht.
Im Café während der Überfahrt trotz starken Seeganges kulinarisch stark „zugeschlagen“.
Die Flächen 19 km nach Bjugn mit Rückensturm bei Sonnenschein(!) schnell abgespult. 10 kg Reiseproviant für meine Zweitagesferien eingekauft.
Nach genau 250 km in OLDEN am LYSØYSUNDET bei Asmund und Anita Slette, die ich seit der Eisschnellauf-WM der Masters 2009 in Bjugn kenne, angekommen.
Hier werde ich planmäßig zwei Tage entspannen, schreiben, lesen, angeln, vorbereiten.

Ganz ehrlich: nach nur 5 Stunden im Sattel ist das Sitzfleisch immer völlig durchgesessen. Nach 30 Stunden erst recht. Was sind Stühle doch bequem…

Anita Slette staunt über meine „Regenwetterberichte“. Der Lachsfluss in der Nähe ist fast ausgetrocknet. Zwar gab es fast immer die hier üblichen täglichen Schauer, das Sommerwetter war in Olden am Lysøysund bisher aber viel zu trocken. Ab hundert Kilometer südlich zu nass.
Leider hat meine Internetgesellschaft hier ein Funkloch. Ich werde 5 km hinausradeln müssen, bis ich die passende Antenne finde. Einen Nachteil gibt es immer.
FERIEN!!!

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